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Jules P. Warner verspürte die gleiche Mischung aus Abscheu und Euphorie, die ihn jedesmal überrannte, wenn er diese Aufgabe übernahm. Er ließ sich in seinen flauschigen Drehsessel fallen und überprüfte die Daten des Rechners zu seiner Rechten. Gleichgültig stellte er fest, daß der Sprung heute weitgehend ungefährlich sein durfte. Die Paralleldimension die für die heutige Reise nötig war, unterlag kaum Schwankungen, der Seeker beepte im Sekundentakt grünes Licht. Aber bei den Passagieren, die er heute das erste Mal springen lassen sollte, war ihm das ohnehin egal.

Er stand auf und verließ sein T-Terminal damit er noch einen Blick in den Sprungraum werfen konnte, der dahinter stand. Seine Schritte verklangen leblos auf dem billigen Antisept als er auf die unscheinbare Tür zuschritt. Er blieb stehen – verschnaufte. Hinter ihr befand sich ein Teil der wichtigsten Technologie des gesamten Basenets. Unter leisem Surren fuhr die runde Tür zur Seite und ließ Jules eintreten. Seine Knochen knarzten, als er sich bückte. Sogar die Luft in diesem Raum roch anders, so fremd und faszinierend. Und da war er. Eingelassen in die frequenzresistente Keramikwand umgab er blass und blau das kugelförmige Räumchen.

Der Quarkwandler.

Äußerlich nichts weiter als ein aufrecht stehender Ring aus zehn Zentimeter breitem Stahl und drei Metern Durchmesser. Jules hatte nicht in Geschichte aufpassen müssen um zu wissen, welche Bedeutung die Entdeckung der Hyperfrequenzen gehabt hatte. Wäre das 23. Jahrhundert ohne Isaac Heinleins Forschergeist geblieben, wären TransDim-Sprünge heute noch derselbe unerfüllte Traum wie in der Anarchie des späten 20. Jahrhunderts. Obwohl er geglaubt hatte, nach all den Jahren der Sprünge gegen sein Staunen immun geworden zu sein, schauderte er bei dem imposanten Anblick des Ringes.

Und heute würde er diesen Abschaum hindurch schicken.

Schweren Herzens riss er seinen Blick von dem leise summenden Ding los und quälte sich durch die enge Tür zurück in den Schalterraum.

Als er wieder in den Sessel hinter seinem Terminal gefallen war klimperten schon die verhassten Buchstaben über seinen Bildschirm. Es war so weit.

Das Shuttle hatte die Erdatmosphäre verlassen und kam auf seine Travelbase zu.

Seinen inneren Widerstand niederringend machte er sich daran, die Sprünge vorzubereiten und die Hyperfrequenz für das Sprungziel auszuwählen. Das zumindest war ein Vorteil dieser Aufgabe. Wenn es auch die niederste Gattung Mensch war, welche je ein TransDim-Tor durchschreiten würde, so waren Bürger in der Auswahl ihrer Sprungziele nicht wählerisch. Sie sprangen dorthin wo die HypCon Spitze sie haben wollte. Anders als bei den oberen Ständen. Diese wählten jeweils ihr persönliches Ziel und Jules mußte ununterbrochen darauf achten, daß der Quarkwandler aufgrund der ständigen Frequenzwechsel nicht überlastete – oder gar ein Totes Tor produzierte. Er fror alleine bei dem Gedanken.

Jules ließ von seinen Grübeleien ab und betätigte den Taster, ein kleiner Schalter, der die durchsichtige Schutzverkleidung über dem T-Terminal nach oben fahren ließ. Dann tippte er den Frequenzcode für die heutigen Sprünge in die darunter liegende Tastatur. Sofort erwachte der Quarkwandler und begann grollend zu vibrieren. Jules konnte die gewaltigen Energiemengen beinahe spüren, die in den metallenen Ring im Sprungraum gesogen wurden um die Luftmoleküle zu beschießen, die von ihm umgeben wurden. Er schaltete auf Sichtkontakt und die Wand gegenüber seines Terminals hörte auf Wand im üblichen Sinne zu sein. Nach kurzem Flackern begann sie den Anflug des Shuttles auf die Travel Base zu zeigen.

Jules lehnte sich zurück und betrachtete die Monitorwand, das blaue Schimmern der Erde, das darauf erschienen war. Grellweiße Wolkentupfen verwoben sich mit diesem Blau und versprühten eine Reinheit und Unschuld, die trügerischer nicht sein konnte. Nichts an diesem Anblick ließ einen vermuten welcher Unrat sich dort auf der Oberfläche kräuselte und beständig vermehrte. Die Erde. Der Abfallplanet. Heimat der Heimatlosen. Brutstätte der Untermenschen.

Sehnsüchtig wanderte sein Blick weg von dieser verlogenen Schönheit, hin zur wahren Majestät, zur neuen und echten Heimat der Sorte Mensch, die das Leben verdient hatte. Das Basenet. Tausende und Abertausende von Bases kreisten im Orbit der Erde wie ein dichter und verworrener Schwarm stählerner Miniaturplaneten. Die einen wälzten sich so träge durch das All, daß man meinen konnte sie bewegten sich überhaupt nicht, aber zwischen ihnen huschten kleine, wendige Basen hindurch wie verspielte Kinder durch die trägen Beine ihrer Eltern. Obwohl ihre Flugbahnen vom Zentralrechner genauestens kontrolliert wurden, erschien es ihm jedesmal wie ein Wunder, daß es bei diesem Gedränge nie zu Zusammenstößen kam. Die langsamen Basen waren meist groß und klobig, bis zu dreihundert Kilometer durchmessend. In manchen wurden Rohstoffe verarbeitet und gelagert, die meisten aber waren geräumige Wohnbasen, die den mittleren Klassen – Leuten wie ihm - als Lebensraum dienten.

Mürrisch erblickte Jules das Shuttle welches aus dem Blau der Erde in den Bildschirmausschnitt trat um sofort wieder aus seinem rechten Rand zu entschwinden. Er beobachtete das ehrfurchtgebietende Logo, das auf die Flanke des Schiffes lackiert worden war:

HYPCON – Hypertravel Confederated

Jules lächelte, inzwischen mehr Abscheu als Euphorie verspürend. Er empfand es als Ironie, als Beleidigung, daß ein Shuttle dieses Logo trug. Ein Shuttle. Raumfahrt. Die niederste Art der Fortbewegung für die niederste Sorte Mensch, damit diese vom geringwürdigsten Lebensraum hochtransportiert werden konnten um das Basenet mit unwertem Menschenfleisch zu verstopfen. Er wußte, daß Travelbases nur dazu da waren, Bürgern den Zutritt zum Basenet zu gewähren, und er wußte, daß er sich wiederholte, aber das Gefühl überkam ihn jedesmal mit heißer Leidenschaft. Erdenbewohner. Bürger. Abschaum!

Als das Shuttle aus dem Bildausschnitt verschwunden war, konnte er hören wie sich das Hangar der Travelbase öffnete um das Schiff aufzunehmen. Travelbases waren von allen Basen am schlechtesten abgeschirmt und so bebte und zitterte jeder Gegenstand im Raum, als das Schiff aufsetzte und im Hangar ausrollte.

Jules schaltete den Sichtkontakt ab. Die Rückstösse des Shuttletriebwerke erschütterte die Landehalle und Jules´ Monitorwand kam davon so sehr ins Zittern, daß er meinte die Bilder darauf doppelt zu sehen. Das Gezitter dauerte eine Weile an, dann klang es ab um schließlich völlig zu verlöschen. Ein Moment Stille. Jules wußte, daß sich das Hangar, durch das das Shuttle geflogen war, nun wieder schloss und der Atmosphärengenerator für die nötigen Luft- und Druckverhältnisse sorgte. Kaum hatte er diesen Satz zuende gedacht fuhr seine Monitorwand auch schon in die Decke und gewährte einen Blick auf das verbeulte Shuttle, das sich in der gewaltigen Hangar-Halle dahinter verlor. Alle Geräusche in dem kleinen Schalterraum huschten nun hinaus in die Halle und schienen zu zehnfacher Lautstärke zu wachsen, als sie von den metallenen Wänden umher geworfen wurden. Auch wenn die Generatoren nun auf Hochtouren arbeiteten, quoll noch genug von den ätzenden Triebwerksdämpfen in den Schalterraum um Jules zum Husten zu bringen.

Wirklich zum Husten brachten ihn allerdings die zerlumpten Gestalten, welche über die veraltete Gangway aus dem Shuttle torkelten.

Bürger.

Vor den Bürgern marschierte eine kleine, disziplinierte Gruppe der HypCon Security aus dem Shuttle und eilte zielstrebig auf den Schalterraum zu, während sie ihre Plasmawaffen gelockert im Halfter stecken hatten. Jules furchte die Stirn. Offene Waffenhalfter? Bei einem Bürgertransport? Wenn man denen auf den Teller schiss, würden sie so lange schlucken, bis alles aufgegessen war! Im Schalterraum angekommen verteilten sich zwei Securities neben dem Terminal von Jules und zwei neben die Tür zum Sprungraum, während sich einer in diesen hinein begab um dort die Bürger gegebenenfalls in Schach halten zu können. Der ganzen Szenerie haftete etwas an, was nicht normal war. Der letzte Security schritt betont selbstbewußt auf Jules zu, die unlesbaren Rangabzeichen, die protzig seinen Namen umrankten, wiesen ihn als einen Offizier aus. Jules kannte sich mit den Rangabzeichen nicht besonders aus, ordnete ihn aber als niedrigen Offizier ein. Ragoon, wie der zackig schreitende Bursche hieß, zerrte das Orderdisplay von seinem Overall und reichte es Jules. Jules stöhnte innerlich auf, immer das selbe Ritual, aber er ergab sich ihm schweigend. Mit mühsam unterdrücktem Unwillen blickte er auf sein T-Terminal und verglich die TransDim-Frequenz darauf mit der TransDim-Frequenz, die auf dem handflächengroßen Orderdisplay des Securities blinkte. Sie waren identisch. Wie immer. Und wie immer fragte er sich, warum sich die HypCon Spitze derart absicherte – so schlimm dürfte es schon nicht sein, wenn eine Ladung Bürger nicht an dem vorgesehenen Sprungziel ankam. Spätestens beim zweiten Versuch würde man sie dort hinschicken, wo sie auch hinsollten. Aber Jules schwieg und deutete dem Security mit einem Nicken, daß alles in Ordnung war.

Allerdings galt das nicht für die Situation im Allgemeinen. Kein Spott drang aus den Mündern der Securities und keiner der Bürger schien auch nur eine Platzwunde zu haben. Die  Männer gaunerten den Bürgern nicht einmal irgendwelchen wertlosen Plunder im Tausch mit einem Stück vielleicht sehr wertvoller Technik aus der Prä-HypCon Ära ab. Sie standen da und starrten auf das Shuttle, als wolle es sich jeden Augenblick auf sie stürzen wenn sie nur nicht aufpassten.

Und sie steckten Jules damit an. Die Bullaugen des leerer werdenden Shuttles blickten ihn schwarz und böse an, er konnte spüren wie die Anspannung der Securities wuchs und er von ihr mitgerissen wurde ohne genau zu wissen warum.

Jules schickte jeden Bürger einzeln in den Sprungraum, konnte hören wie sich die Tür dorthin immer wieder knarrend öffnete und wie die Luft dahinter dieses fremde, faszinierende Summen an sich hatte. Trotzdem hatte er da jetzt keinen Sinn dafür, auch fühlte er weder Abscheu noch Euphorie. Was er fühlte, so stellte er bestürzt fest, war Angst.

Eilig diesen Gedanken beiseite schiebend zog Jules den ID-Chip des nächsten Bürgers durch und versuchte sich ganz auf den Ekel zu konzentrieren, den er noch bei der Ankunft der Bürger empfunden hatte. Vergeblich. Wieder warf er einen hastigen Blick auf das Shuttle. Er erstarrte.

Der Atem schien den Securities in die Lunge zu frieren, knisterndes Schweigen breitete sich von ihnen aus, als noch jemand aus dem Dunkel des Shuttleinneren auf die Gangway trat, die sich bedrohlich Ächzend nach unten bog.

Trotz versuchter Beherrschung hielt auch er den Atem an. Jemand? Nein! Das konnte doch nicht sein! Ein Ausserirdischer? Unmöglich! HypCon hatte den Kontakt zu allen ausserirdischen Intelligenzen unter Strafe verboten – das wirtschaftliche Gleichgewicht des Basenets war mittlerweile seit zwei Jahrhunderten gesichert und durfte nicht durch fremde Rohstoffe und Tauschmittel wieder ins Wanken gebracht werden. Aber ein Mensch? Das?

Es war zum einen mindestens zwei Meter groß, hatte Arme so dick wie Hangarriegel und  kinderkopfgroße Fäuste. Seine Brust war breit und muskulös, seine Beine hingegen kurz und verhältnismäßig dünn, aber so geschickt, wie er darauf die wackelige Gangway hinabzutänzeln wußte war ihm das kein Nachteil. Doch am verstörendsten von allem war sein Gesicht. Wenn man es denn so nennen konnte. Jules versuchte einen kurzen Blick darauf zu werfen, wendete sich aber sofort wieder ab.

Ein nervöses Brummeln ging durch die Securities, nur Ragoon ballte die Fäuste und knirschte streitsüchtig mit den Zähnen. Jules verstand ihre Anspannung. Wenn sie einen Übergriff zu erwarten hatten, dann hier. Niemand lehnte sich im Shuttle gegen die Securities auf. Ein kleiner Kratzer in der Schiffshülle und das Leben aller Passagiere endete so sicher wie qualvoll. Aber hier in dieser Basis lag die Sache ganz anders, die Wände und riesigen Schotte waren Meterdick und kein noch so großes Plasmaprojektil würde sie je durchschlagen. Von Laser gar nicht zu reden. Und da es seit Jahren keinen Bürgeraufstand mehr gegeben hatte, waren die Shuttleflüge nur noch von wenigen, schwach bewaffneten Securities begleitet, Frischlinge meistens, die außer Überheblichkeit noch gar nichts gelernt hatten.  Es war eher ein Statussymbol als eine echte Schutzmaßnahme.

Niemand hatte mehr an Gefahren gedacht, aber nun tänzelte sie gewaltig und gefährlich auf dünnen Beinen die Gangway hinab. 

Jules fertigte mittlerweile die letzten der ca. 50 Bürger ab und beobachtete voller Grauen wie das Monster in beunruhigender, provozierender Gelassenheit auf den Schalterraum zuschlenderte. Ein kleines Mädchen huschte an dem Riesen vorbei und klammerte sich an die Beine eines verhärmten  Bürgers mit Glatze, dessen eingefallenes Gesicht von einem verdreckten Bart überschattet wurde. Jules war irritiert. Er schätzte ihr Alter höchstens auf elf und so verschüchtert wie sie aussah, hatte sich noch keiner der Securities die Zeit mit ihr vertrieben.

Ihre Haare waren zwar schmutzverkrustet und ihr beißender Bürgergestank von Dreck und Armut schien bis an sein Terminal zu reichen, aber das sich Securities dieses Vergnügen entgehen ließen....?

Der Soldat neben Jules fingerte nervös an seiner Plasmawaffe. Grund dafür war wahrscheinlich der kleine grimmige Mann, der endgültig als letztes aus dem Shuttle trat und mit seinem eisigen Blick jeden Security einzeln zu durchbohren versuchte.

Die Schlange der Springer nahm weiter ab und Jules fragte sich, was geschehen würde, wenn die beiden finsteren Gestalten sein Terminal erreicht hatten. Alle Securities fummelten mittlerweile an ihren Halftern herum und die Bürger zuckten angstvoll zusammen, als die Plasmazellen piepend ihre Gefechtsbereitschaft verkündeten. Mittlerweile war der grimmige Mann als letzter aus dem Hangar in den Schalterraum getreten. Die Monitorwand fuhr wieder nach oben, trennte Shuttle und Landehalle von dem kleinen Schalterraum. Jules keuchte, Klaustrophobie kroch ihm die Beine hoch, das weite Echo der Hangarhalle war verschwunden und versicherte ihm so, dass er nirgendwohin mehr fliehen konnte. Jules glaubte den Atem jedes Einzelnen im Raum zu hören.

Schweigen. Sich öffnende Sprungraumtür. Summen. Sich schließende Sprungraumtür. Schweigen. Atmen.

Der Schritt von Ragoon auf das Monster zu zerriss die Stille wie eine Landmiene. Jules sah wie die Farbe aus den Gesichtern der anderen Securities wich.

Der Unhold starrte einfach über ihn hinweg.

Jules schluckte. Entweder beachtete er Ragoon einfach nicht, oder es verstand nicht, dass dessen provozierender Blick ihm galt. Der kleine Mann war anders, er wich diesem Blick nicht aus sondern funkelte Ragoon aus schwarzen, wütenden Augen an, verfolgte jeden seiner Schritte als er um ihn herumschlich wie ein Raubkatze, während er selbst sich an der Wand abstützte. Die Situation knisterte, war kurz davor zu explodieren.

Dann jedoch grinste Ragoon und wand sich dem kleinen Mädchen zu, das sich sofort am Bein ihres verhärmten Schutzbefohlenen festkrallte. Sie stierte den uniformierten Mann aus aufgerissenen Augen an. Der Riese senkte seinen Blick, richtete ihn nun doch auf den Security. Man konnte die Anspannung fast sehen, die sich wie eine Gewitterwolke über ihm aufbaute.

„Hallo Bürgermädchen,“ Ragoons Stimme troff vor falscher Freundlichkeit, „Was hast Du denn da am Handgelenk?“

Er riss ihren Arm vom Bein des erstarrten Mannes los, wobei sie erschrocken aufquiekte. Der grimmige Mann an der Wand fuhr hoch und sein Arm zuckte unter seine schwarze Robe, aber das Monster drehte ihm ruckartig den Kopf zu. Sein Kumpan verfiel in lauernde Wartestellung. Jules sah sich um, jeder Security hatte nun die Hand an seiner Waffe, bereit sie in Sekundenschnelle zu ziehen.

Das Mädchen wimmerte als der Security ihren Arm langzog um auf das daran befestigte Ding zu sehen. Donnerwetter. Wenn ihn seine Augen nicht täuschten war das tatsächlich eine Digitaluhr! Die Mittelstände würden sich gegenseitig totschlagen um ein derartig faszinierendes Stück Technik aus der Prä-HypCon Ära zu bekommen. Auch die anderen Securities schnauften auf.

„Was will denn ein Mädchen wie du mit so feiner Technik? Möchtest du es nicht tauschen?“ In seine falsche Freundlichkeit mischte sich eine Drohung, die sogar Jules schlecht werden ließ.

„Weist Du, was mit kleinen Dingern wie dir in den Fabrikbasen geschieht?“

Er ging auf die Knie und war so direkt auf ihrer Augenhöhe. Der grimmige Mann spannte sich und das deformierte Gesicht des Unholds verformte sich auf furchteinflößende Art. Der Security strich dem Mädchen über die Arme und seufzte genießerisch bevor er weiterflüsterte,

„Ja, dich werden sie sicher mögen...mmmm...es sei denn...“

Er fischte nach dem Blick des Mannes an dessen Beinen sie sich festhielt. Dieser starrte gelähmt vor Angst geradeaus und zitterte nur. Ragoons Augen kehrten zu dem Mädchen zurück,

„Es sei denn, du möchtest tauschen...“

Er zog etwas aus seiner Tasche. Jules erkannte, dass es ein alter, verdreckter Laser war. Wenn ein Security ihn mit einem Bürger tauschte, konnte man davon ausgehen, dass seine Abschirmung defekt war und eher dem Selbstmord als der Verteidigung diente. Eine von verirrten Laserimpulsen abgelöste Netzhaut wäre wahrscheinlich die harmloseste Konsequenz.

„Gib mir Deine Uhr und ich verspreche dir,“ er lachte gemein, als er ihr die Waffe hinhielt, „dass dich niemand mehr belästigen wird.“

Er starrte sie an, das Mädchen blickte sich unsicher um als der grimmige Mann mit den schwarzen Augen prustend und humorlos loslachte. Ragoon stand langsam auf, so, als hätte er nur auf diese Provokation gewartet, auf den Funken, der die Lunte entfachte. Er drehte sich um und richtete dem Lachenden den Laser langsam vors Gesicht. Auch die anderen Securities zogen nun ihre Waffen, hielten sich aber mit Blick auf den Riesen zurück. Die Augen des Grimmigen brannten vor Haß, ganz im Gegensatz zu seiner gefährlich ruhigen Stimme,

„Ah. Ein ausrangierter Laser. Für eine Uhr. Großzügig...“

Ragoons Nasenspitze berührte die seines Gegenübers während er ihm die Waffe in die Brust bohrte, „Ausrangiert? Soll ich dir zeigen welche hässlichen Löcher er in Bürgerabschaum wie dich schneidet? Uuuuuuh, was glaubst du wie das stinkt – obwohl...“ er drehte sich nach Anfeuerung heischend zu den anderen Securities um. „Schlimmer als jetzt kannst du gar nicht mehr riechen...“

Der grimmige Mann schwieg, sah zu Boden. Als er wieder aufsah hatte sich ein kaltes und unbarmherziges Grinsen über sein Gesicht gebreitet. Dann spuckte er dem Security ins Gesicht. Mit eisigem Genuß betrachtete er wie der Speichel über dessen Lippen sickerte. Dann stieß er ihn von sich fort.

Die anderen Securities raunten auf, hoben ihre Waffen, doch ehe sie einschreiten konnten knurrte das Monster einen unverständlichen Laut, huschte unerwartet wendig auf die Männer zu und mähte mit seinen gigantischen Armen durch sie hindurch. Dabei schlug er zwei bewusstlos, packte einen, der ihn entsetzt anstarrte und nagelte ihn mit seinen Pranken förmlich an die stählerne Wand, während er eine seltsame Waffe aus seiner Jacke gezogen hatte und auf die beiden Übrigen richtete, die noch auf den Beinen waren. Das war nicht nötig. Die Schnelligkeit, die Kraft und der Hass mit dem der Riese auf sie losgegangen war pustete jeden Widerstand von ihnen. Wie verängstigte Kinder starrten sie ihn an und ihre Waffen fielen wie beiläufig aus ihren zitternden Händen.

Ragoon sah das, ließ sich davon aber nicht beeindrucken. Er wischte sich den Speichel mit seinem Ärmel aus dem Gesicht und schlich nochmal auf den grimmigen Mann zu, vorsichtiger diesmal, und hielt ihm die Waffe direkt ans Auge. Der Bedrohte senkte den Blick nicht, stand aufrecht da und war ein pumpendes Knäuel unterdrückter Aggression.

„Nur zu. Was ist. Skrupel?“ Sein Lachen war kalt und zynisch. Ragoon schnaufte nur voller Anspannung. Dann packte der Mann Ragoon an der Kehle und die ganze Wut, die er in sich aufgestaut haben mußte sprudelte knurrend hervor,

„Oder Angst um deine Sehkraft, du Drecksack?“

Ragoon ließ den ausrangierten Laser fallen und griff nach seiner Plasmawaffe. Bevor er sie aber erreichen konnte, zog der Grimmige etwas Schwarzes aus seiner Tasche, das grellblau zu knistern begann. Er stieß es Ragoon ins Gesicht. Der Security erstarrte in der Bewegung, bäumte sich zuckend auf, während ihm der Speichel schaumig über das Kinn lief. Der Geruch von verbrannter Haut ließ Jules würgen und er konnte nicht fassen, was er soeben gesehen hatte. Waffentechnologie aus dem zwanzigsten Jahrhundert? Noch dazu ein Tazer? Darauf stand die Todesstrafe! Von seinem unermesslichen Wert gar nicht zu sprechen... Ragoon sank leblos zu Boden und der grimmige Mann sah ihn lange an, so als wisse er nicht, was als nächstes zu tun sei.

Nach einem Augenblick erst hob er seinen Blick von dem Bewusstlosen und richtete ihn auf Jules. Jules spürte wie ihm die Blase schwer wurde, als er auf das Terminal zukam.

„Hey Pressure,“

Das Ungeheuer fühlte sich angesprochen und sah nach dem kleinen Mann mit dem Tazer in der Hand.

„Halt diese Arschlöcher in Schach. Ich kümmere mich um die Frequenzen.“ Dann richtete er sein Wort an Jules.

„Du. Verpiss dich!“

Jules sah ihn entsetzt an, die T-Terminals waren mit dem Leben zu beschützen! Aber er fühlte nur, dass er kurz davor stand in die Hose zu machen. Er war unfähig sich zu bewegen. Die Zeit verging langsamer als das Gerät in der Hand des Mannes erneut aufblitzte, Jules spürte wie sich die Hitze an zwei Punkten in seinen Hals fraß, er wurde weggespült von den Zuckungen seiner Muskeln und spürte wie sich salziger Blutgeschmack um seine zerbissene Zunge ausbreitete. Es wurde dunkel. Seine Gliedmassen schienen nicht mehr da zu sein und das dröhnen seines Kopfes auf das Terminal kam von weiter Ferne. Auch die Wärme, die seine Beine hinablief konnte er kaum noch spüren.

 

Pressure barst beinahe vor Anspannung, er wusste nicht wie lange sich die Securities von ihm einschüchtern ließen und Garris schien Ewigkeiten zu brauchen um die Bürger davon zu überzeugen, dass sie von ihnen beiden nichts zu befürchten hatten.

Er musste den Respekt wieder etwas auffrischen, verstärkte den Druck, den er auf den Hals des Securities ausübte und registrierte wie die beiden anderen noch weiter in sich zusammensanken, als sie das erstickende Stöhnen ihres Kameraden hörten.

Verdammt noch mal. Garris das Arschloch. Sein verfluchter Jähzorn würde ihnen nochmal den Kopf kosten.

Er sah nach den beiden Securities, die er bewusstlos geschlagen hatte und betete, dass sie noch atmeten. Sicher, sie waren ein Teil der HypCon, aber so jung, wie sie waren durften sich die Grausamkeiten auf ihrem Konto noch in Grenzen halten. Sie waren ja fast noch Frischlinge. Hier waren Garris und er die Aggressoren, auch nicht besser als die, gegen die sie sich auflehnten. Und das schmeckte ihm nicht.

Garris war fast so weit, stand hinter dem Terminal und hatte alle Bürger in den Sprungraum geschickt, damit sie in die Arbeiterbasen springen konnten. Das kleine Mädchen hielt er auf und drückte ihrem Vater den Tazer in die Hand. Pressure wurde schlecht als er die Erleichterung im Gesicht des Mannes sah, eine Aura falscher Unbesiegbarkeit. Tazer oder nicht - man würde von ihnen nie wieder etwas hören. Von keinem Bürger fand man jemals wieder eine Spur. Wer wusste denn schon was dieses verfluchte Kartell mit ihnen anstellte? Und selbst wenn sie das herausfänden, wenn sich ihr Kreuzzug endlich dem Ende näherte, wenn sie HypCon seiner hässlichen Masken berauben konnten – jetzt konnten sie nichts für die Bürger tun! Wohin sollten sie sie denn bringen? Verstecken? Wo? Auf die Erde zurück? Sie hielten es doch für ein Gottgeschenk, dem ausgeschlachteten Planeten entkommen zu sein! Und nun musste er ihnen tatenlos zusehen wie sie ins Ungewisse sprangen. Diese Gedanken kühlten sein Mitleid für die jungen Securities erheblich ab. Der an die Wand Gepresste stöhnte kläglich auf, als Pressures tiefer Hass auf HypCon wieder aufloderte und in seinen Griff floss.

Schließlich waren alle Bürger durch das TransDim-Tor verschwunden und Garris trat erneut an das Terminal heran um den Virus einzuspeisen.

Das Sprungtor brach zusammen und das Summen des Quarkwandlers verstummte für einen Moment, als der Rechner das infizierte Frequenzmodul las. Dann fuhr er langsam und bedrohlich wieder an, errichtete ein Tor aufgrund der Frequenz, die ihm das Virusmodul mitteilte.

Showtime.

Pressure entließ den Frischling aus seinem Würgegriff und rannte zum Sprungraum, wobei er beinahe auf der Pisspfütze des bewusstlosen Travel-Consultant ausgerutscht wäre. Hastig öffnete er die kleine Tür und quälte sich hindurch. Dahinter hatte sich das Tor schon aufgebaut und die Luftschicht, die von dem Ring umgeben war schimmerte ihm mattschwarz entgegen. Ewige Zeiten schienen zu verstreichen.

Scheiße, wieso lässt sich Garris so viel Zeit?

Der Virus würde das Tor nur kurz in dieser Frequenz schwingen lassen, dann würde das Tor wieder in sich zusammenfallen und kein Mensch im gesamten Basenet würde jemals feststellen können wohin es geführt hatte. Zwar war genau das nötig um ihre Spuren zu verwischen, aber das minderte Pressures abgrundtiefes Misstrauen gegen solche Virenmodule keinesfalls.

Er sah das Tor an. Eine stehende, summende Scheibe von drei Metern Durchmesser und vom unscheinbaren Quarkwandler umgeben. Auch für ihn ein Tor in die Ungewissheit. Er hasste diese verfluchten Virusmodule, sie waren der letzte Ausweg, ein Glücksspiel für Verzweifelte. Und dieses Virus? War es echt? Pressures schartige Fingernägel kratzten über seinen verformten Schädel, als wollten sie die fleckige Haut darauf einfach abkratzen. Würde das Virus sie zu ihrem Kontaktmann und Informanten führen? Oder war es eine Falle, würde die Frequenz sie direkt in die Arme der Securities treiben? Pressure schluckte, tänzelte nervös auf die summende Scheibe zu nur um sofort wieder vor ihr zurückzuweichen. Die Frage stieg in seinem Hirn hoch, so sehr er sie auch niederzuringen versuchte.

Würde der Virus ein Totes Tor produzieren?

Russisches Roulette...jedesmal... Pressures Gedanken wurden jäh abgewürgt, als Garris fluchend in den Sprungraum eilte und das Frequenzmodul in der Hand hielt.

„Das gottverdammte Terminal wollte das Modul nicht ausspucken!“

Pressure zuckte zusammen, Angst loderte immer heißer in seiner Brust. Das war nicht normal.

„Eine Falle, glaubst Du es...“

Garris sah ihn gehetzt an, Pressure erkannte sogar in seinem sonst unerschütterlichen Blick Sorge,

„Was weiß ich! Ich weiß nur, dass wir am Arsch sind, wenn die Frischlinge aufhören sich vor dir deformierten Bastard in die Hose zu scheißen!“

Pressure wurde schwindlig, bitte, dachte er, nicht noch ein totes Tor, so viel Glück wie beim ersten Mal würde er diesmal nicht haben. Er starrte auf die Scheibe, auf der schon die ersten Anzeichen zu sehen waren, dass sie demnächst zusammenbrechen würde.

Totes Tor....

War es damals wirklich Glück gewesen? Er erinnerte sich an das formlose Licht, und die Stimme die er gehört hatte. In seinem Kopf war sie detoniert, sägend, lachend...

Halluzinationen, hatte Garris ihm später erklärt, der Frequenzschock in deinem Gehirn,

aber Pressure hatte sie gehört, abschätzig, arrogant und kalt wie das Grab in dem er sich schon geglaubt hatte:

OBERSTAND. VERBOTENES FLEISCH. –

Dann wurde er wieder ausgespuckt, in seine Dimension zurückgeworfen – es hatte ihn zum einzigen Überlebenden eines Toten Tores gemacht...aber auch zu der abstoßenden Lebensform, die er heute war....

Trotzdem war keine Zeit zu verlieren, Durch!, donnerte es in seinem Schädel, aber er konnte nicht, sein üblicher kalkulierender Scharfblick und seine kompromisslose Entschlossenheit waren gelähmt von jener Furcht, die seit diesem Erlebnis wie ein Dämon an seiner Seele fraß. Von jener Furcht, die nur auf Situationen wie diese wartete um auszubrechen und Pressure wie eine Schüttellähmung heimzusuchen....

Das Summen des Ringes wurde bereits leiser, wann würde das Tor kollabieren? Minuten? Sekunden? Er fasste nach seinem rechten Auge, es zuckte unkontrolliert wie immer unter dem zusammengewachsenen Lid umher, er erinnerte sich daran wie lange er gebraucht hatte um trotz seines kieferlosen Rachens wieder essen und sprechen zu können....

Er spürte wie ihm sein Dämon in die Beine kroch und sie zu zitternden, kaum tragfähigen Stelzen degradierte. Lieber sterben, dachte er, als so etwas nochmal zu erleben. Das wütende Gebrüll von Garris verstand er kaum, er registrierte nur, dass die schimmernde Scheibe immer blasser wurde... Etwas traf ihn hart im Rücken, er verlor das Gleichgewicht und taumelte schreiend auf das Tor zu, bekam noch einen Stoß und fiel einfach hinein.



....was wartet hinter dem Tor? In Ad Astra 71 wird´s verraten:


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