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Es war kühl. Kühl und dumpf, aber
das störte Robin schon lange nicht mehr. Er setzte sich schweigend
hin um nach einer Weile zu erzählen, so zu erzählen wie er es
jeden Abend tat. Niemand störte sich daran, nicht wahr, und so
begann er auch diesmal ohne sich dabei etwas zu denken. Er setzte sich
auf die vermoderte Couch und blickte sich um. Ruhiger als sonst kramte
er in seinem Gedächtnis um der Vergangenheit erneut Leben
einzuhauchen.
„Weißt du, ich war am Anfang ein ganz
normaler Mensch. Ein ganz normaler Mensch, wie du es auch einmal warst.
Nun, ich hatte Freunde, ging zur Schule, hatte Hobbys und war ein Teil
der Gesellschaft. Nur die Gesellschaft war nicht sehr nett zu mir.
Nein, das war sie nicht. Ihr anfängliches flüstern ließ
mich
kalt, auch als sie begann lauter zu sprechen. Ich ertrug es auch noch,
als sie mich anbrüllte, doch dann begann sie zu treten. Zu treten,
zu beissen und um sich zu schlagen. Sie hat mich oft getroffen, hat mir
die Nase Gebrochen und so manche Rippe, welche mein Herz nur knapp
verfehlten. Auch dieses Blut wischte ich mir aus dem Gesicht und
versuchte ihr in die Fratze zu spucken. Doch eines Tages, ja genau,
begann meine Anatomie zu knirschen und zu ächzen, drohte jeden
Augenblick zu bersten, wobei das alles verzehrende Feuer versuchte
meine Seele zu ersticken.
Das alles verzehrende Feuer. Die Liebe. Jeder
kennt, es läßt es zu, wünscht es sogar. Genau wie ich.
Die Gesellschaft hat es unter ihrem Mantel und dort ist es gut
behütet. Das Feuer ist aber nicht so gnädig sein Opfer mit
züngelnder Gier auf einen Sitz zu verschlingen, nein, es ist ein
kleiner durchtriebener Bastard, der seine Beute dazu bringt, sich
selbst blutige Löcher in das Fleisch zu reißen.“
Robins Erregung nahm wieder einmal zu und
sein Adrenalinstoss stoppte erst, als er ein leises, hässliches
Knacken vernahm, welches den modrigen Gestank, in dem er sich befand,
zerriss.
„Oh mein Gott, das wollte ich nicht, du
weißt das ich es nicht wollte!“
Er vergrub seinen Kopf in ihrem schwarzen
Haar und strich sanft mit seinem Handrücken über ihre
schmalen Wangen.
„Ja, natürlich verzeihst du mir, wie
auch ich dir einst verziehen habe. Weißt du noch? Weißt du
noch, wie wir uns damals kennengelernt haben? Es
war ein ganz normales Wochenende, ein Wochenende, an dem sich jeder von
uns die gleichen Gedanken wie immer machte, so banal sie mir jetzt auch
erscheinen mögen. Jeder dachte nur ans Saufen und Ficken. Oh
Entschuldigung, du magst das Wort nicht? Tut mir leid, aber ich kann
eine so verlogene Romantisierung wie miteinander schlafen
nicht in den Mund nehmen um das menschliche Triebverhalten zu
beschreiben. An dem Abend, als du dich deinen Trieben ergeben
hättest, wenn nicht noch jemand anders Zimmer gewesen wären,
willst du etwa behaupten ihr hättet euch geliebt,
wenn ihr alleine gewesen wärt? Ist es nicht so, daß jeder
sündige Gedanke in deinem Kopf, dich so geil gemacht hat,
daß du dich hättest ficken lassen? Oh,
wärt ihr doch nur alleine gewesen was, oder nein, viel besser...
Wie wäre es gewesen, wenn ihr nur einen Zuschauer gehabt
hättet?
Ja das gäbe diesem unseligen Spiel erst
Sinn, einen Zuschauer, aber keinen Voyeur, niemand euresgleichen den
diese Szene zur Ekstase getrieben hätte. Nein. Jemand, der an
diesem Anblick zerbrechen konnte. Wäre das nichts gewesen? Wie
hätte der Schmerz, den dieser Jemand versprüht hätte
eure Geilheit ins unermessliche gesteigert, eure sadistischen Triebe
befriedigt! Wäre die Befriedigung vollkommen gewesen? Besser
gefragt, wie hätte es aussehen müssen, um euren unheiligen
Höhepunkt zu erreichen? Hättet ihr ihn zusehen lassen, wie
ihr euch wie die Tiere an euch selbst vergeht? Und hätte dieser
andere Bastard, hätte er dir ins Gesicht gewichst, ja,
hättest du es geschluckt um mit einem zufriedenen Lächeln zu
dem anderen rüberzustieren, das Gesicht voller Sperma, und unter
leisem seufzen bemüht auch den Geschmack des letzten Tropfens zu
geniessen? Wann währt ihr zufrieden gewesen? Wenn er gekotzt
hätte, gekotzt wie ein Schwein, alles auf den Boden, wenn er
zusammengebrochen währe, oder wenn er mit den Fäusten gegen
die Wand geschlagen hätte, bis der brüllende Schmerz seiner
Knöchel das unheilige Siechtum in seiner Seele übertönt
hätte? Wann, sag mir, wann währst du zufrieden? Wann...
Nun es waren Leute da, so reichte es nur
für einen Kuss.
Hat er dir gefallen, sag es mir, hat er?
Nein, lassen wir das, ich habe dir versprochen nichts mehr
nachzutragen, das rührt mich immer so auf...
Wo hast du dich eigentlich die ganze Zeit
rumgetrieben? Ich hatte dich ewig nicht mehr gesehen! Erst einen auf
super Kumpel machen und uns alles wegsaufen und dann einfach nicht mehr
kommen oder was? Na ja O.K. Man kennt das ja, so ist das nun mal, wenn
man einen großen Bekanntenkreis hat.
Ach ja, war das eigentlich dein Plan? Ich
meine der Typ, der einfach aufgekreuzt ist um sich irgendeine
gottverdammte Scheiße aus den Fingern zu saugen, hatte er gewusst
was du vorhast, ich meine war ihm bewusst, warum er sich diese
Scheiße aus seinen geistigen Eingeweiden gewürgt hat?
Das war nur dein Plan, richtig? Dein Plan,
meinen bittersüßen Schmerz auf den Höhepunkt zu treiben
um sie dann endlich von mir zu nehmen, diese Last, die mich zu
erdrücken drohte. Ich erinnere mich noch genau daran, wie sich
seine Gestalt vor mir aufbaute um mir mit zitternden Fingern von seiner
tollen Nacht mit dir zu erzählen, oh ja, jede Einzelheit sog er
sich aus den Fingern. Bei den schlüpfrigsten Stellen seines
verlogenen Luftschlosses kam er an mein Ohr, dass nur ich es verstehen
konnte, doch ich hinterließ den Anschein, dass nichts an mir von
seinem hormontriefenden Kauderwelsch zurückblieb außer
seinem verschwitzten Händedruck.
Tatsächlich allerdings hat es genau das
erreicht was du wolltest, nicht wahr? Das kafkaeske Element meines
Lebens solltest du sein, nicht? Das wonach der Mensch mit seiner ganzen
Kraft sucht es aber niemals, niemals zu finden vermag, das solltest du
sein. Du hast es geschafft. Geschicktes kleines Mädchen.
Oh, ja ich wollte dich haben, mit jeder Faser
meines Körpers wollte ich es, dich haben, das Feuer löschen,
welches mit seinen Zungen mein Herz versengt, bis es blutige Blasen
wirft und letzten Endes zu schlagen aufhört.“
Augenblicklich hielt Robin inne, sah tief in
die Augen des Mädchens, dass er in den Armen hielt. Zärtlich
strich er mit seinem Handrücken über ihre Wangen, schloss
seine Augen und begann sie zu küssen. So wie er seine Zunge in
ihrem Mund versenkte, kamen sie wieder. Die Erinnerungen. Mit ihnen die
Gefühle, die Hoffnungen, die Ängste. Und der Hass.
Sein Blick fiel auf den Jugendlichen, der in
der Ecke saß, einst sein bester Freund, er saß einfach da
und starrte zu den beiden herüber.
„Oh Gott, dieser miese kleine Hurensohn,
hörst du mich, du Hurensohn, hörst du mich? Ich hatte es dir
damals versprochen, ja genau, lass deine verdammten Finger weg von ihr,
hatte ich dir gesagt, doch du spieltest nur den Freund, der so etwas
niemals tun würde. Nein niemals, nicht wahr? Du HAST es schon mal
getan vergiss das nicht, war meine Antwort, doch du, du hast nur
dreckig gelacht und dich umgedreht, und jetzt? Jetzt sitzt du da,
stierst mich an, verdammt hör auf mich anzuglotzen, hör auf sie anzustieren, oder ich
reiße dir die Augen aus deinem widerlichen Schädel.
Oh nein, nicht schon wieder, so hatte ich
mich schon einmal gefühlt. Oh, ja, weißt du noch? Du hast
eine Party organisiert und wir waren alle eingeladen.
Alle sollten wir zu dieser Hütte kommen,
zu dieser hier im Wald und keiner sollte erfahren, das wir hier sind,
nicht wahr? Ja, wir kamen nachts um zehn Uhr, es war doch zehn Uhr ?
Jedenfalls kamen wir nachts an. Es war dunkel, unheimlich und lange
Schatten spukten durch die Kulisse, wobei die aufgestellten Kerzen kaum
den Raum zu erleuchten vermochten. Nachdem sich meine Augen an das
flackernde Zwielicht gewöhnt hatten, erkannte ich alle, die da
waren. Zuletzt Vinnie.
So etwas werde ich niemals tun, nicht wahr,
Vinnie? Wie hämisch hast du gelacht, als mein Blick auf dich fiel,
und dann hast du sie belästigt, weist du noch, Schatz, wie er dich
belästigt hat, wie er dabei gelacht hat? Dann hat er dir die Zunge
in den Hals geschoben, da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Du
konntest es nicht sehen, das dumpfe, unterschwellige, tiefrote
Glühen in seinen Augen, es schien sich direkt in mein Hirn zu
bohren. Ähnlich wie die Stimme. Noch nie hatte ich in meinem Leben
eine diabolischere Dissonanz ertragen
müssen, wobei ihre Botschaft den Weg in mein Bewusstsein fand ohne
über Vinnies Lippen zu kriechen. Möchtest du
sehen wie ich sie missbrauche , Robin? Der
donnernde Druck auf meinen Schläfen schwoll immer weiter an. Möchtest du spüren wie ihre Seele unter dem Druck
zerreisst, wie die letzte Hoffnung in ihrem Blut ertrinkt?
Schmerzgebeugt ging ich auf das Monster –
Vinnie Ding zu, wobei sich alle anderen zu mir drehten
Es fühlte sich so seltsam an, wie in einem Kreisel
wechselten die Perspektiven in meinem Kopf, immer wieder sah ich mich
selbst, dann musste ich erneut den Anblick des sabbernden Mobs ertragen
dessen flackernde Blicke die Aura des Raumes in kleine Stücke
rissen. Ich dachte mein Schädel würde jede Sekunde platzen
und der Orkan darin für immer verstummen.
Das darf ich nicht zulassen dachte ich mir,
versuchte mit letzter Kraft die Gabel zu erreichen und schlich auf
diesen widerlichen Bastard zu. Du standest da, starr vor Angst und
unfähig auch nur einen Laut über die Lippen zu lassen,
während seine Klauen unter deinem T-Shirt deine unschuldigen
Brüste besudelten, aber ich trieb ihm die Gabel durch.
Oh, wie hat er geschrien, sein Gesicht nahm
wieder Vinnie Gestalt an und Tränen liefen ihm in Bächen
herunter. Oh wie er bluffte, der Herr der Fliegen, doch ich ließ
mich
nicht einschüchtern, er sprang auf mich zu, nein er schlich auf
mich zu, die beiden Hände ausgestreckt wobei er wimmerte wie ein
kleines Kind, kam immer näher heran, immer näher, aber mein
Mitleid sollte er nicht bekommen. Ich rammte ihm die Gabel in die
Kehle, wie gut durchdacht war seine Show, er wand sich in scheinbaren
Höllenqualen und kam auf mich zu, kotzte Blut auf mein
schönes Hemd, kotzte alles voll. Krämpfe verzerrten seine
dämonische Fratze noch mehr, so das ich erst später die
anderen beachten konnte. Die ersten versuchten in wilder Panik zu
fliehen, als sie meine Entschlossenheit erkannt hatten. Niemand sollte
entkommen und seine teuflische Saat auf dieser Welt verbreiten, niemand
sollte mich bekommen. Und Niemand durfte dich bekommen.
So warf ich eine Flasche nach dem ersten der
fliehen wollte. Ich traf ihn am Kopf und das verfehlte seine Wirkung
nicht aber dennoch lag so etwas nicht in meiner Absicht. Die scharfen
Kannten des zerborstenen Wurfgeschosses durchtrennten das Gewebe von
Gesicht und Hals und der dunkelrote Alptraum ergoss sich in bizarr
abstoßendem Rhythmus auf den Boden. Die Kreatur hielt sich beide
Hände an das klaffende Fleisch, doch den wilden Strom vermochte
sie nicht zu bändigen. Es waren die Augen, hilfesuchend und
scheinbar fassungslos starrten sie mich an, bis das Glühen endlich
von ihnen genommen wurde.
Ich zweifelte an meiner Entschlossenheit und
meine Hände begannen zu zittern, nein so etwas hatte niemand
verdient! Doch da kamen schon die anderen Fratzengesichter auf mich zu,
was mir keine andere Wahl ließ als den Schürhaken zu nehmen
und
mich zur Wehr zu setzen. Niemals werde ich die Schreie vergessen, das
viele, viele Blut und das Geräusch zerbrechender Knochen, das ich
noch heute höre, wenn ich nachts aufwache. Doch beinahe
hätten sie mich in ihrer Niedertracht erwischt, als mich der
letzte von hinten packte und einen solchen Augenblick der emotionalen
Schwäche ausnützen wollte. Also blieb mir erneut keine Wahl,
mit einem Ruck rammte ich meinen Daumen hinter mich und ein spitzer
Schrei, helles Blut und eine geleeartige Flüssigkeit, die meine
Hand hinablief, teilten mir mit, dass diese Hölle nun endlich,
endlich vorbei war.
Jetzt waren wir alleine im Raum. Alleine und
sicher, nur wir zwei. Doch du hattest einen Schock, weißt du
noch? Geschrien hast du, wie am Spieß geschrien und um dich
geschlagen. Wie oft hatte ich dir gesagt, dass ich keiner von ihnen
wäre, doch du schienst mir nicht zu glauben, es war wohl ein
schwerer, böser Schock. Ich kam dennoch auf dich zu und hielt dir
den Mund zu, damit er nachlässt, weist du, der Schock. Anfangs
hast du dich stark gewehrt und ich hätte mich selbst dafür
töten können, etwas gegen deinen Willen zu tun. Bald aber
wurdest du ruhiger, doch ich ließ erst los als du reglos in
meinen
Armen lagst. Reglos und still. Nun war es vorbei. Alles war voller
Blut, aber es war nur das Blut dieser Geschöpfe, dass den Raum,
dass mich besudelte. So still...
Ich legte dich auf die Couch, ja und wir
liebten uns, zum ersten mal und so beschlossen wir auch für immer
hier zu bleiben, für immer. Die Leichen der monströsen
Lebensformen waren nichtig, genau wie der Geruch, das einzige was
zählte waren wir beide. Bis wir stürben wollten wir hier
bleiben und uns immer an jenen seligen Abend erinnern, der uns dieses
Glück beschert hatte. Niemals mehr nach draußen gehen.
So ernährte ich mich von dem modrigen
Wasser, welches an Regentagen durch die undichten Stellen des Daches
troff und von den Kadavern der Ungeheuer. Seltsam schmeckt das Fleisch
und bekommt langsam eine seltsame Farbe. Sicherlich haben die
unheiligen Horden dieses Fleisch vergiftet, manchmal habe ich
schreckliche Bauchschmerzen und dann muss ich mich übergeben.
Anfangs dachte ich mir, ich hätte mir
nur den Magen verdorben, was ja nichts ungewöhnliches wäre,
aber mittlerweile ist auch Blut im Erbrochenen. Eklig, dunkles Blut mit
einem widerlichen Geschmack. Auch heute fühle ich mich nicht sehr
gut, ich bin müde, so müde. Ich werde mich jetzt zu dir legen
und schlafen, für immer schlafen glaube ich, und wir werden
für immer zusammen sein. Für immer.“
Ende.
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