Fegefeuer                            (c) Alf Stiegler 1991 

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Es war ein kalter, nebliger Sonntagabend, als Donald Lloyd in seinen metallicblauen Ford stieg um zur Disco zu fahren. Nachdem er den Motor angelassen hatte, drehte er die Heizung auf, da er ein wenig fror. Er trat auf das Gaspedal und verließ mit quietschenden Reifen die Einfahrt. Nach etwas fünfzehn Minuten erreichte er die Disco „Black Moon“.

Donald wurde von jedem gemieden, da sie alle wussten was für eine zwielichtige Person er war. Er verkaufte Drogen, um mit dem daraus verdienten Geld seinen eigenen Drogenkonsum zu finanzieren. Um an Bares zu kommen wandte er meist die brutalsten Methoden an.

„Black Moon“, eine Lasterhöhle, die gleichzeitig Donalds Stammdisco war, war für seine Geschäfte wie geschaffen.

Er wollte schon hineingehen, als er einen ungefähr siebzehnjährigen Jungen entdeckte, an den er seinen Stoff loswerden wollte. ER ging auf ihn zu und sprach ihn an.

„Ey, hast Du Lust auf ´ne Dröhnung?“

Erst sah der Junge überrascht auf die Tüte mit dem weißen Pulver, die Donald in der Hand hielt, zog dann aber eine verächtliche Grimasse.

„Vergiss es, Mann. Ich bin clean!“

Donald fuchtelte ihm mit der Tüte vor der Nase herum.

„Dann wird es Zeit, dass sich das ändert.“

Diesmal reagierte der Siebzehnjährige ungehaltener und schlug ihm die Tüte aus der Hand, so dass sie am Boden aufplatzte und das Pulver sich überall verbreitete.

Jetzt wurde Donald sauer, zog ein Messer und rammte es dem verdutzten Jungen in die Seite, der sofort zusammensackte.

Donald rannte zum Wagen, um abzuhauen, denn einen Mord konnte er jetzt nicht brauchen. Dass der Fünfundzwanzigjährige den Jungen erstochen hatte, war eine seiner typischen Kurzschlussreaktionen, die man seinem Jähzorn zuschreiben musste.

Er jagte mit dem Wagen vom Discoparkplatz und verschwand in der Nacht. Die Landstrasse fuhr er in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit entlang, als ihm plötzlich ein Reifen platzte. Der Wagen überschlug sich ein paar Mal, bis er gegen einen Baum außerhalb der Fahrbahn donnerte. Dann herrschte eine eisige Finsternis um Donald.

 

„Doktor!“

„Ja, was gibt es?“

„Uns erreicht gerade eine Unfallmeldung von der Landstrasse Jolly-Hill und Shannon!“

„Schicken sie einen Krankenwagen. Ich lasse alles für einen Notfall vorbereiten!“

 

Donald öffnete die Augen und fand sich in einem weißen, kahlen Raum wieder, in dem ein älterer Herr an einem Schreibtisch saß, sich Akten durchsah und murmelte: „Lloyd – aha, hmm, jawoll – Sie sind doch Donald Lloyd?“

Donald sah sich verwundert um. „Ja, aber wo bin ich hier?“

Ohne auf Donalds Frage zu antworten, fuhr der Mann fort: „Wenn Ihre Akten stimmen, dann weiß ich schon, wohin ich Sie weiterleiten muss. Drogen, Mord, ja es besteht kein Zweifel.“ Der Boden unter Donald begann nachzugeben, und er versank darin, ohne sich wehren zu können. Das letzte, was er vor einer erneuten Ohnmacht hören konnte, war: „Ach ja, Sie sind im Jenseits...“

 

Der Krankenwagen erreichte die Unfallstelle innerhalb von zehn Minuten, und die Ärzte sprangen sofort aus dem Wagen, um zu sehen, wie und ob dem Verunglückten zu helfen war. „Schnell, helfen Sie mir, ihn aus dem Auto zu holen und ihn in den Krankenwagen zu transportieren!“

Im Krankenhaus schlossen sie den blutüberströmten Körper Lloyds an die Lungemaschine und an einige Messgeräte an.

„Puls: schwach und unregelmäßig, Gehirnwellen: keine!“

„Schnell wir müssen uns beeilen, dann bekommen wir ihn vielleicht durch!“

 

Donald wachte aus einer weiteren kurzen Bewusstlosigkeit auf und fand sich in einem Kerker wieder. Er war an die Wand gekettet, wie man es im Mittelalter getan hatte. Um ihn herum hingen noch einige andere, und den rechts von ihm sprach er an: „Hey, wo bin ich hier?“

Der Angesprochene antwortete: „Du bist hier an einem Ort, den ihr in eurer Religion, glaube ich, Fegefeuer nennt.“

„Ich bin wirklich tot, ich dachte, das wäre ein böser Traum gewesen...“

„Glaube es ruhig. Das hier ist ein verdammter Ort! Ich hänge hier schon Jahrhunderte nach eurer Zeitrechnung und warte auf mein Urteil. Und dann entscheidet sich ob ich nach oben oder nach unten komme... O je, jetzt holen sie wieder einen.“

Ehe sich Donald versah, trat eine Art Wächter in die Zelle. Ein mächtiges schwarzgekleidetes Wesen, das von der Statur her wie ein Mensch aussah. Sein Kopf war unter einer Kapuze versteckt, aus der die Augen wie zwei rotglühende Punkte hervorstachen. Er ging auf Donald zu und befreite ihn von seinen Fesseln. Das Wesen machte eine Geste, die wohl „komm mit“ heißen sollte.

Als sie den Kerker verlassen hatten, schloss der Wächter wieder ab.

 

Der Krankenwagen kam im Krankenhaus an, wo das vorher benachrichtigte Personal schon wartete, um den schwerverletzten Donald Lloyd auf die Intensivstation zu bringen. Als sie ihn in den OP brachten, war alles schon vorbereitet.

 

Nach einem endlosen Irren durch Gänge und Stollen gelangte der Wächter und Donald – oder besser seine Seele – in eine Höhle, deren Boden ein riesiges Loch aufwies. Als Donald hinuntersah entdeckte er nichts außer einem Flammenmeer. Am Rand dieses Loches saß der Herr, der für die Akten verantwortlich war.

„Mr. Lloyd, Sie sind ein eindeutiger Fall für unten. Wächter, erfülle deine Pflicht!“

Der Wächter packte Donald und zog ihn zu dem Loch, um ihn hineinzustoßen. Erst wehrte sich Donald, als er aber merkte, dass er keine Chance hatte, gab er auf.

 

„Doktor, kommen sie schnell!“ Die Schwester betrachtete die Messgeräte, an die Donald angeschlossen war.

„Was ist denn?“

„Das EEG zeigt wieder Gehirnwellen an, er erwacht aus seinem Koma!“

 

Donald spürte wie er die Kante hinuntergestoßen wurde. Erneut erfasste ihn eine Art Ohnmacht. Als er diesmal seine Augen öffnete, erblickte er kein Feuer und keinen Kerker. Er blickte in das lächelnde Gesicht einer Schwester und in das besorgte eines Arztes. Er konnte sich jetzt, bei Gott, keinen schöneren Anblick denken.

„Na, wieder unter den Lebenden?“

Das war die erleichterte Stimme der Schwester, die er hörte.

Eine Antwort war ihm aber unmöglich, da ihn die Schläuche in Nase und Mund daran hinderten.

Der Arzt gab ihm eine Spritze, wonach Donald in einen traumlosen Schlaf sank.

Als er am nächsten Morgen aufwachte, sah er, dass die Schwester gerade zur Tür hereinkam.

„Guten Morgen Mr. Lloyd. Statt unseres normalen Oberarztes wird Sie heute eine Vertretung erfreuen. Ich hoffe, das stört sie nicht.“

Als die Schwester das Zimmer wieder verlassen hatte, betrat ein älterer Herr das Zimmer und verschloss die Tür. Als er sich zu Donald umdrehte, schrak dieser zusammen. Das war der Mann, den er im Jenseits gesehen hatte, der mit den Akten!

„Nun, Mr. Lloyd, Sie dachten, Sie könnten uns entkommen, doch da haben sie sich geirrt...“

Die Person schritt auf Donald zu. Der versuchte zu schreien, doch die Schläuche um seinen Hals wurden ihm zum Verhängnis. Der Mann riss sie ihm aus Hals und Nase, wickelte sie um Donalds Hals und zog zu...

Ende.





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