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Warm war er
gewesen, jener Morgen im April, an dem ich die Haustür
verließ, doch meine
Sinne waren zu taub um die silbernen Vogelstimmen wahrzunehmen welche
durch die
Luft vibrierten. In vertrocknetem Trott nestelte ich meinen
Wagenschlüssel
zurecht, vollends auf meinen mausgrauen Alltag fixiert, der mich in
meinem Büro
erwartete.
Wichtig
erschienen die Ablage, Verzugszinsen und Mahnungen, die Personalkosten,
Urlaubsplanungen, ja, nicht einmal die geringe Bedeutung die ich selbst
in
jener kalten Maschinerie industrieller Effizienz innehatte
vermochte es, mich wachzurütteln – mir die Apathie
alltäglichen Dahinsiechens vor Augen zu führen. Die
Gänge monoton ins Getriebe
schiebend, starrte ich geradeaus auf meinen Weg, zu verdorrt und
abgestorben um
Freude an solch kitschigen Profanitäten wie azurblauem Himmel oder
schwellenden
Knospen zu verspüren.
Ich hätte ebenso
durch eine Steinwüste fahren können, Lebenskraft war etwas,
was nur noch
schwach in mir schimmerte. Wie hätte ich mich da stören
können an dem Gedanken
meine Lebenszeit einem Industriekonzern zu opfern? Beinahe möchte
ich behaupten,
daß der Unterschied meines Existierens zu meinem Tod nur noch in
anatomischen
Maßstäben zu messen war.
Klein hatte mein
Wagen wirken müssen, als er von mir in den gewaltigen mattgrauen
Asphaltparkplatz hineingesteuert wurde, eine klinische Parkzone vor
einem
riesigen Gebäudekomplex. All die mumifizierten Rollenerwartungen,
die ich mir
als braver Angestellter verinnerlicht hatte erwachten augenblicklich,
ließen
mich in den Rückspiegel sehen um mich des korrekten Sitzens meines
Pullunders
zu vergewissern. Mit geschäftlicher Miene und akkuraten Schritten
ging ich
meinen roboterhaften Gang zur gläsernen Doppelschwingtür, die
wie der Schlund
eines emotionslosen Ungeheuers all die Wärme der Morgenluft zu
verschlingen
schien. Die verspiegelten Fenster glotzten heute besonders kaltherzig
aus ihren
Fassaden, es schien, als musterten sie die kleinen Menschlein, die mit
linealgeraden Krawatten und seelenlos glänzenden
Aktenköfferchen wie
bedeutungslose Drohnen unter ihr Joch krochen.
Aber all das sah
ich noch nicht an jenem Morgen, der misstönende Klang meiner
inneren Stimme
fand keine Ohren, die ihn gehört haben würden und so
stieß auch ich die
Eingangstür auf, strebte, alle Mitarbeiter ignorierend, zu meinem
Schreibtisch.
Etwa um elf Uhr
verließ ich diesen Schreibtisch um die Abteilung
„Werbemanagement“ aufzusuchen
(ein Missverständnis um eine fälschlich ausgestellte
Zuschussbewilligung musste
bereinigt werden). Die getönten Scheiben entzogen dem Sonnenlicht
alle
Lebenskraft, fahle Balken von Helligkeit hingen an den Fenstern,
bemalten mich
mit der Farbe der Ödnis, wenn ich sie durchschritt.
Mechanisch stieß
ich die Tür zu besagter Abteilung auf, wollte meine Schritte zum
betreffenden
Sachbearbeiter lenken, als sich die Leblosigkeit meines Auftretens
jäh an einem
neuen Eindruck brach. Hinter einem der Monitore duckte sich ein
dunkelblonder
Haarschopf, beinahe so, als wolle die Person, der er gehörte,
nicht bemerkt
werden. Vereinzelte Geräusche von Mausklicks und hintereinander
gedrückten
Tasten vermittelten den sympathischen Eindruck schüchterner
Unbeholfenheit. Im
kahlen Summen hochgebooteter Computer versprühten diese zaghaften
Geräusche das
Leben, welches in den gesichtslosen Kollegen, die stumpfsinnig auf ihre
Tastaturen einhackten, schon längst verwelkt war. Ohne eine
schlüssige
Erklärung dafür zu haben, warum ich das tat, ging ich auf
diesen Monitor zu,
der Haarschopf wuchs zu einem Gesicht, konzentriert und mit gerunzelter
Stirn
blickte es auf das grünliche Flackern vor sich. Das Mädchen
bemerkte mich nicht.
Zittrig und nervös dirigierte sie die Maus über die
Arbeitsfläche, die
zierlichen Finger ihrer linken Hand verweilten auf ihrer linken Wange,
als
wolle sie sich selbst beruhigen. Wahllos klickte sie durch die
einzelnen Menüs,
unter jeder weiteren Fehlermeldung schien sie heftiger
zusammenzuzucken. Die
junge Frau war ganz ohne Zweifel neu hier.
Von einer
seltsamen Unsicherheit erfüllt dauerte es einen Augenblick, bis
ich mich
entschlossen hatte sie anzusprechen, ihr die kleine Hilfestellung zu
geben,
nach der sie so verlangte. Als hätte sie meine Gedanken
gehört hob sie den
Blick, ratlos nahm sie die Brille ab, rieb sich die Nasenwurzel
abgespannt
zwischen zwei Fingern und war gerade dabei, sie wieder aufzusetzen, als
sie
mich bemerkte. Heftig zuckte sie zusammen, errötete augenblicklich
und stieß
bei dem tollpatschigen Versuch, sich nichts anmerken zu lassen, beinahe
die
Maus vom Schreibtisch - konnte sie gerade noch daran hindern, auf den
Boden zu
fallen, und klickte daraufhin das nächstbeste Icon an, das unter
ihren
Mauspfeil geriet.
Ich war schon im
Begriff den Mund zu öffnen, als mich eine auffordernde Stimme von
hinten daran
hinderte. Was ich so herumzustehen hätte, raunzte sie, ich solle
endlich die
angeforderten Unterlagen abliefern. Sofort
wollte wieder der Rollenmechanismus selbstloser
Unterwürfigkeit
greifen, ich spürte wie die Zwänge meines Angestelltendaseins
an mir zerrten,
aber zum ersten mal war ich nicht bereit, dem blindlings nachzugeben.
Ohne mich
dem Forderer zuzuwenden ging ich auf die junge Frau zu, das Feuer der
Verlegenheit glühte auf ihren Wangen als sie noch immer linkisch
die Tastatur
bearbeitete. Schüchtern sich entschuldigend ließ sie von
ihrer Tätigkeit ab,
ließ mich gewähren als ich selbst ihre Tastatur bediente und
den kleinen Fehler
behob, der ihr soviel Ärger bereitet hatte. Mit einem ermunternden
Lächeln trat
ich zurück, fing ihren Blick auf, der mir in zurückhaltender
Dankbarkeit
entgegenleuchtete und saugte diesen Eindruck vollständig in mich
auf. Erst
danach war ich dazu bereit, die Aufgabe zu erledigen, weshalb ich
überhaupt
hier war. Noch nie war mir die Meinung eines Vorgesetzten so egal
gewesen wie
an jenem sprichwörtlich frühlingshaften Tag.
Der Rest des
Tages verlief in seiner gewohnten Tristesse, nur daß mir diese
nun zum ersten
mal auffiel. Hatten Anfangs nur vage Schatten des Dahinsinnens meine
Gedanken
verschleiert, war mir konzentriertes Arbeiten kurz vor Feierabend kaum
mehr
möglich. Ständig erinnerte ich mich an jenen scheuen Blick,
den mir das Mädchen
geschenkt hatte, und ich ertappte mich dabei, daß ich
unablässig nach einem
Vorwand suchte, um nochmals in ihre Nähe zu gelangen. Zuerst
leugnete ich den
Eindruck, den das zierliche Ding wohl bei mir hinterlassen hatte, tat
es als
törichte Anwandlung infantiler Schwärmerei ab, aber ich bekam
das tiefgründige
Rehbraun ihrer Augen, das lebendige Glitzern darin nicht mehr aus dem
Kopf.
Die Tage
verstrichen, seit ich die geheimnisvolle Frau ohne Namen erblickt
hatte, Tage
die mir bewiesen, daß die infantile Schwärmerei, wie ich sie
bezeichnet hatte,
tiefere Wurzeln trieb, als ich das Anfangs für möglich
gehalten hätte. Die
wenigen Augenblicke, in denen ich mich ihrer Anwesenheit erfreuen
konnte,
verwandelten mich in einen völlig anderen Menschen. Ich wusste
nicht genau was
mich an der jungen Frau derartig faszinierte, vielleicht waren es
tatsächlich
ihre Augen – wunderschön waren sie, groß, beinahe kindlich
und doch voller
Geheimnis - aber es mochten auch ihre Hände sein, die so zierlich
und
zerbrechlich wirkten, wie diejenigen einer wunderschönen
Porzellanpuppe.
Vielleicht war
es genau das - das Verborgene, das Sie war.
Die
oberflächlichen Reize, welche männliche Hormone in
biologischer
Zwangsläufigkeit zu erhitzen gedacht waren, fielen mir an ihr nur
nebensächlich
auf – oder besser, sie fielen mir anders auf. Ihre Brüste
waren
wohlgeformt, doch war der Liebreiz, den ich in ihnen erkannte nicht
sexueller
Natur, sondern war perfektes Stilmittel ihrer poetischen Schönheit.
Wie ich schon
sagte, begleitete mich dieses neue Feuer fortan durch die Tage – mehr
noch, es
wuchs, nährte sich an den scheuen Blicken, dem sanften
Lächeln, mit dem sie
mich bei jeder unserer seltenen und stummen Begegnungen bedachte, bis
es
ausgewachsen war und beinahe sengend in mir brannte. Manchmal fragte
ich mich,
warum ich sie nicht ansprechen wollte, sie
zum Essen oder ins Kino einladen, aber mich
stieß die Gewöhnlichkeit
dieser Vorschläge, dieses Vorgehens ab – es stand in keinem
Verhältnis zu dem
was ich empfand, es war eine Beleidigung für den zerbrechlichen
Zauber unserer
Verbindung.
Genau noch
erinnere ich mich an den verregneten Mittwoch, an welchem ich
früher als
gewöhnlich die Kantine betrat. So trüb und verhangen war es
an diesem Mittwoch
gewesen, daß ich wie paralysiert durch den Tag stolperte. Nicht
einmal die
zarte Note von blumiger Vanille nahm ich war, welche im Bouquet eines
mir
wohlbekannten, zurückhaltenden Duftes
schwebte; ich
schob mein Tablett, stellte eine Tasse starken, dampfenden Kaffees
darauf, und
suchte mir von den vertrockneten Sandwiches eins aus, dessen Schinken
noch
keinen grauen Rand zu haben schien. Anschließend, drehte ich mich
nach rechts,
um nach einer Serviette zu greifen, die in den dafür vorgesehenen,
verchromten
Spendern steckten, aber ich hatte nicht als einziger diese Idee. Aus
meinem
Augenwinkel erkannte ich, wer da hinter mir stand, ebenfalls nach einem
Papiertuch fischte und dabei meine Hand berührte.
Ich ...was soll
ich sagen...noch nie hatte ich etwas derartiges vorher gespürt –
wie ein
Stromstoß durchzuckte es mich, prickelte beinahe schmerzhaft von
meiner Hand
hinab in meine Magengrube, wo es sich warm und behaglich ausbreitete,
mein Herz
schlug bis zum Hals und – so unangenehm kindlich es mir auch vorkam –
dunkles
Rot schoss mir ins Gesicht. Aber dem Mädchen ging es nicht anders,
wieder
senkte sie den Blick, so schüchtern und so scheu, aber dann erhob
sie ihre
Augen – ich konnte sehen, wie sie allen Mut zusammennahm, mir ein
ermunterndes
Lächeln zu schenken, meinen Augen nicht auszuweichen, und ich
wollte verbrennen
im Wunsch ihr Gesicht zu berühren, ihr die einzelne dunkelblonde
Strähne aus
dem Gesicht zu streichen um ihre warme seidige Haut zu spüren,
welche mir
erhitzt entgegenstrahlte. Dann jedoch zerrissen ärgerliche
Äußerungen diesen
Augenblick, warum es denn nicht weiterginge war eine der
freundlicheren, und
peinlich berührt wurde mir das Rampenlicht klar, in dem sich das
gerade
abgespielt hatte. So gingen wir getrennt an unsere Plätze. Da jede
Abteilung
ihr eigenes abgestecktes Gebiet in der Kantine hatte - deren Grenzen
einzuhalten ein ungeschriebenes, informelles Gesetz war - blieb uns nur
ein
wehmütiger, stummer Blick zum Abschied – um so eindeutiger in
seiner Botschaft.
Auch dieser Tag
verging und ich wusste, daß ich sie ansprechen musste.
Der Zeiger war
schon an der fünf Uhr Marke vorbeigekrochen, als ich immer noch
auf meinem
Schreibtisch herumkruschte um die Tatsache zu verschleiern, daß
ich wartete.
Dann endlich - 12 nach Fünf - ging
sie
an mir vorbei - wie seltsam, dachte ich, daß sie so
gar keine Notiz
von mir nimmt - und ich musste mich beeilen ihrem zügigen
Schritt zu
folgen. Beinahe außer Atem erreichte ich die Haupttür - ich
wollte sie doch
noch erwischen, endlich Kontakt mit ihr aufnehmen - sah wie ein
dunkelroter
Wagen vorfuhr, anhielt und sich die Fahrertür öffnete. Aus
der Glastür
herausstolpernd, beobachtete ich nur noch wie jemand aus diesem Wagen
herausstieg und das Mädchen durch seine innige Umarmung vor mir
verbarg.
Starr stand ich
da, fing den vernichtenden Blick des Mannes ein, konnte der jungen Frau
nicht
in die Augen sehen und klammerte mich an meinen Aktenkoffer, der mir
zum
einzigen, erbärmlichen Anker geworden war. Der Wagen fuhr
gesittet, ohne ein
Körnchen Staub aufzuwirbeln, davon.
Ich kann kaum
Worte für das Gefühl der Niederlage finden, welches mich am
nächsten Morgen mit
dem Erwachen überfiel. Wie zähflüssiges Magma verband
sich der Schmerz, den ich
empfand, die Wut und die Erniedrigung zu einer brodelnden Suppe
kochenden
Gifts, welche meine Seele zersetzte – welche
mir den fragilen Hauch der Hoffnung wieder aus dem
Herzen riss,
eine dunkelrot pulsierende Wunde zurücklassend.
Ich kam wie
gewohnt zur Arbeit, an jenem Morgen, doch spürte ich wie die
Wellen meiner
inneren Verwesung um mich schlugen; es war als sei die typisch
kollegiale
Distanz nicht mehr weit genug, so groß war der Bogen, den jeder
Mitangestellte
um mich schlug.
Zum Teufel
sollen sie alle gehen, verfluchte Brut! Nichts als Heuchelei sah
ich
verschlagen in jedem Gesicht schwelen, mich ekelten sie an, die Frauen,
welche
wie beiläufig ihre Röcke nach oben schoben und die
Männer welche unverhohlen
gierige Blicke nach vermeintlich willigem Fleisch schleuderten. Menschentiere,
brüllte ich innerlich, fleischgeiles Gesindel, warum
reißt ihr euch
nicht eure Kleider vom Leib, setzt euch breitbeinig auf die Gesichter
der
Primaten, die ihr Kollegen nennt; und ihr, warum werft ihr euch nicht
grunzend
auf das läufige Freiwild und, zeigt jedem das Primitive, das ihr
hinter eurer
elegant kühlen Fassade verbergen wollt – weil wir Anstand haben,
hörte
ich sie innerlich säuseln, weil das hinter der Maske des
gesellschaftlich
Akzeptierten verborgen bleiben muß.
Eine mörderische
Wut schlug von innen gegen den stillen Angestellten, der ich war, nicht
weil
ich die anderen hasste, weil ich mich hasste - mich und das schreiende
Verlangen nach dem dunkelblonden Mädchen, das mir nicht
gehörte. Schweigt,
tobte die gequälte Stimme meiner Moral, ich ergebe mich euch
nicht, ich bin
Mensch, Kind Gottes und Freiheit hatte er uns
geschenkt selbst zu entscheiden und keines seiner
Gebote werde ich
im Namen des Fleisches vergewaltigen – keines! Nie werde ich mich den
Reizen
einer Frau unterwerfen, die nicht mir zugedacht ist!
Mich in meiner
eigenen, vermeintlichen Reinheit badend ging ich gehetzt zu meinem
Schreibtisch, erkannte, wer sich rasch von ihm, dem Schreibtisch,
entfernte und
mir einen traurigen Blick entgegenschleuderte - ich wurde beinahe
aufgespießt
von der Hitze, die dieser Blick in mir zu entfachen vermochte. Zittrig
näherte
ich mich meinem Arbeitsplatz, nahm ihn wahr den kleinen gelben Zettel,
der so
unbefangen neben meinem Briefbeschwerer lag, dennoch eingehüllt
vom schwarzen
Gestank eines bösen Omens.
Eine Adresse
stand darauf. Und eine Uhrzeit. Kein Name. Eine schwache Wolke
süßer Vanille
hing beinahe lachend darüber. Wo ist sie jetzt deine Moral,
lachte eine
schrille Stimme in mir, wo ist sie denn, etwa in der fiebernden
Erregung,
die dich durchströmt, während du diesen Zettel in der Hand
hast? Du hast ihn
verraten, höhnte sie, deinen Gott verraten, mit geilem
Fleisch dich
selbst beschmutzt, Judas, Judas, Judas!
Nein,
fauchte ich, nein, das ist nicht wahr, ich bin Herr meiner Selbst,
ich kann
selbst entscheiden – wie geheuchelt klangen mir die eigenen Worte
in den
Ohren, tobende Fantasien der Begierde irrlichterten in meinem
Schädel, pumpten
das Blut durch meinen Körper, verurteilten mich gerade jenen
Körper so brennend
zu begehren, dem ich trotzig wie ein Kind entgegenplärrte, das
nicht zu tun.
Den ganzen Tag
hatte dieser Kampf gedauert, dann endlich war die blutige Schlacht in
meinem
inneren vorüber. Selbst wenn ich jener biblischen Versuchung
standhielte - der
Einladung nicht nachkäme, wäre es nicht mein Wille, meine
Überzeugung die mich
dazu veranlasste; nur die Angst vor meinem Gewissen hätte mich
aufgehalten -
also gab ich meinem Verlangen nach; lieber ein Verräter als
ein Heuchler.
Schwer vom Blei
der Erschöpfung waren meine Schritte, als ich das Treppchen
hochwankte, als ich
mich kraftlos an der unauffälligen Tür abstützte und mit
zitternden Fingern die
bronzene Klingel betätigte. Nochmals vergewisserte ich mich, nahm
den
schmierigen kleinen Zettel hervor, ja hier war ich richtig. Wohl war
eine
Sprechanlage angebracht, aber ohne Nachfrage summte die Tür, ich
wurde ja auch
erwartet, nicht wahr?
In einem
Dämmerzustand kroch ich die Treppe im Innern des Hauses hoch, der
Krieg in
meinem Kopf lebte wieder auf, blutig verstümmelten sie sich
gegenseitig -
Verstand und Herz - Seele und Fleisch, keinen Kompromiss fanden sie
mehr, keine
Niederlage und keinen Sieg, einen ewigen Kampf fochten sie, ein
Gefecht, aus
dem es kein Entrinnen gab.
Die Tür oberhalb
der Treppe öffnete sich, das Mädchen stand da, goldenes Licht
schien sie zu
bestäuben, getragen vom süßen Duft ihres Parfums.
Locker lagen ihre Haare auf
ihrem eleganten, schmerzhaft schönen Abendkleid; sie ließ
mich ein, kein Wort
sagten wir zueinander, sie ging vor mir her, drehte sich
verführerisch lächelnd
zu mir um - Schuld und Verlangen brüllten mich an, zerrten wie irr
an meinem
Selbst - wie von Fäden gezogen folgte ich ihr ins Schlafzimmer;
zwei Gläser
Wein standen auf einem kleinen Tischchen, eine lange dünne Kerze
atmete
Zärtlichkeit in den Raum, sie setzte sich, aber ich...ich konnte
nicht, das
bin ich nicht, sie gehört jemand anders, es ist falsch, falsch, es
ist falsch!
Aber wie sie da saß, wie sie doch da saß, das Satin ihres
Kleides streichelte
ihre Haut, fasste sie ein in silbernen Glanz und ihre Augen baten mich,
sie
flehten mich an ihren Körper zu berühren; ihre Lippen bebten,
ihr Atem zitterte
in verhohlener Erregung, ich sank auf die Knie, Tränen der
Verzweiflung
schossen mir wie Geisiere in die Augen, ich ertrug den stechenden
Schmerz der
Sehnsucht nicht mehr, aber das Lachen, das kreischende Lachen,
daß mich
verhöhnte, mich verspottete, mir all meine inneren Moralpredigten
entgegenspie,
sie in ein verlachendes Echo verwandelte und mich als den windenden
Wurm
darstellte, der flennend wie ein Kind am Boden kauerte, das ertrug ich
genauso
wenig.
Ich nahm nicht
wahr, daß jemand hinter mich getreten war. Nur der Ausdruck
kühlen Triumphs auf
dem Gesicht der Frau wurde mir gewahr, ich drehte mich also um und
erblickte
den Mann, der sie von der Arbeit abgeholt hatte.
Ich erhob mich,
schiere Verblüffung ließ mich dem ebenfalls weinenden Mann
arglos
entgegentreten, dann explodierte es, glühend wie der Atem Satans
explodierte es
in meinem Unterbauch, Hitze ergoss sich über meine Beine, und ein
brüllender
Donner zerfaserte im Raum. Im gleichen Moment sackten sie zusammen,
meine
Beine, während sich die Explosion in meinen Eingeweiden in klamme
Kälte
verwandelte. Erst hatte ich nicht begriffen, aber jetzt sehe ich es,
die Klinge
in der Hand des dunkelhaarigen Mannes, triefend von dunklem rot – und
ich höre
es, den Donner, der nichts weiter ist als die kakophone Mischung aus
meinen
Todesschreien und dem entsetzten Gellen der Frau. Taub wird alles - oh
wie
herrlich das doch ist - jedes Gefühl stirbt in mir, das Feuer der
Verzweiflung
erlischt, alles erlischt; warm, wie süß und warm erbrechen
meine Eingeweide
alles Leben auf den Boden...ich sehe...ich
sehe...fürwahr...befreit bin ich vom
Toben des Fleisches, von der Verzerrung der Hoffnung und der Lüge
der
Angst...ich sehe das Mädchen...entstellt ist ihr Gesicht von
Entsetzen...doch
ich sehe die Befriedigung in ihren Augen...die Befriedigung
darüber, daß für
sie gemordet wurde...ich sehe die Tränen des Mannes...Traurigkeit,
nicht über
meinen Tod, sondern Traurigkeit darüber, daß er für
seinen Mord bestraft werden
wird... wie mit Augen Gottes sehe ich die hässlichen Gedanken, die
der Mensch
sich mit Moral und Anstand zu überdecken sucht, ich sehe das
Fleisch in jeder
Ethik, ja, auch an mir, ich vergiftete mich selbst, ich aß den
Apfel, den die
Schlange Eva in die Hände legte, obwohl ich mein ganzes Leben an
meine eigene
Moral geglaubt habe, ich selbst, meine ganze Existenz ist eine
Lüge, sie ist es
schon immer gewesen...der Mensch ist ein Tier, zerfressen von der
blinden
Arroganz das nicht zu sein...aber ich sehe, ich sehe - auch wenn meine
Augen
trüb werden und mein Körper kalt; noch nie hatte ich gelebt,
doch nun tue
ich’s, welch Ironie, ich lebe in den Tod hinein....meine Brust krampft
sich in
einer letzten Lähmung zusammen, Blut presst sich meine Kehle hoch,
tropft mir
in warmen Perlen das Kinn hinab, wie Tränen Edens besiegeln sie
Gottes
Niederlage, sie beweinen die gestorbene Hoffnung, der Mensch trage den
Kern des
Guten in sich; sie waschen meine geblendeten Augen gesund und damit den
Wunsch
zu leben aus meinem Herzen...beinahe gierig fasse ich nach dem
kühlen
Schlummer, der sich sanft und still auf mich herniedersenkt, mit tiefer
und
ruhiger Stimme ruft er nach mir, fasse meine Hand, höre
ich ihn wispern, fasse meine Hand, fasse meine Hand, fasse meine
Hand...
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