Die Tränen Edens.
(c) A.Stiegler 2000

Homebase
Leseprobe
ShortStories
Kontakt
Links#
Bestellung
Gästebuch
Hörbuch
Presse

Warm war er gewesen, jener Morgen im April, an dem ich die Haustür verließ, doch meine Sinne waren zu taub um die silbernen Vogelstimmen wahrzunehmen welche durch die Luft vibrierten. In vertrocknetem Trott nestelte ich meinen Wagenschlüssel zurecht, vollends auf meinen mausgrauen Alltag fixiert, der mich in meinem Büro erwartete.

Wichtig erschienen die Ablage, Verzugszinsen und Mahnungen, die Personalkosten, Urlaubsplanungen, ja, nicht einmal die geringe Bedeutung die ich selbst in jener kalten Maschinerie industrieller Effizienz  innehatte vermochte es, mich wachzurütteln – mir die Apathie alltäglichen Dahinsiechens vor Augen zu führen. Die Gänge monoton ins Getriebe schiebend, starrte ich geradeaus auf meinen Weg, zu verdorrt und abgestorben um Freude an solch kitschigen Profanitäten wie azurblauem Himmel oder schwellenden Knospen zu verspüren.

Ich hätte ebenso durch eine Steinwüste fahren können, Lebenskraft war etwas, was nur noch schwach in mir schimmerte. Wie hätte ich mich da stören können an dem Gedanken meine Lebenszeit einem Industriekonzern zu opfern? Beinahe möchte ich behaupten, daß der Unterschied meines Existierens zu meinem Tod nur noch in anatomischen Maßstäben zu messen war.

Klein hatte mein Wagen wirken müssen, als er von mir in den gewaltigen mattgrauen Asphaltparkplatz hineingesteuert wurde, eine klinische Parkzone vor einem riesigen Gebäudekomplex. All die mumifizierten Rollenerwartungen, die ich mir als braver Angestellter verinnerlicht hatte erwachten augenblicklich, ließen mich in den Rückspiegel sehen um mich des korrekten Sitzens meines Pullunders zu vergewissern. Mit geschäftlicher Miene und akkuraten Schritten ging ich meinen roboterhaften Gang zur gläsernen Doppelschwingtür, die wie der Schlund eines emotionslosen Ungeheuers all die Wärme der Morgenluft zu verschlingen schien. Die verspiegelten Fenster glotzten heute besonders kaltherzig aus ihren Fassaden, es schien, als musterten sie die kleinen Menschlein, die mit linealgeraden Krawatten und seelenlos glänzenden Aktenköfferchen wie bedeutungslose Drohnen unter ihr Joch krochen.

Aber all das sah ich noch nicht an jenem Morgen, der misstönende Klang meiner inneren Stimme fand keine Ohren, die ihn gehört haben würden und so stieß auch ich die Eingangstür auf, strebte, alle Mitarbeiter ignorierend, zu meinem Schreibtisch.

Etwa um elf Uhr verließ ich diesen Schreibtisch um die Abteilung „Werbemanagement“ aufzusuchen (ein Missverständnis um eine fälschlich ausgestellte Zuschussbewilligung musste bereinigt werden). Die getönten Scheiben entzogen dem Sonnenlicht alle Lebenskraft, fahle Balken von Helligkeit hingen an den Fenstern, bemalten mich mit der Farbe der Ödnis, wenn ich sie durchschritt.

Mechanisch stieß ich die Tür zu besagter Abteilung auf, wollte meine Schritte zum betreffenden Sachbearbeiter lenken, als sich die Leblosigkeit meines Auftretens jäh an einem neuen Eindruck brach. Hinter einem der Monitore duckte sich ein dunkelblonder Haarschopf, beinahe so, als wolle die Person, der er gehörte, nicht bemerkt werden. Vereinzelte Geräusche von Mausklicks und hintereinander gedrückten Tasten vermittelten den sympathischen Eindruck schüchterner Unbeholfenheit. Im kahlen Summen hochgebooteter Computer versprühten diese zaghaften Geräusche das Leben, welches in den gesichtslosen Kollegen, die stumpfsinnig auf ihre Tastaturen einhackten, schon längst verwelkt war. Ohne eine schlüssige Erklärung dafür zu haben, warum ich das tat, ging ich auf diesen Monitor zu, der Haarschopf wuchs zu einem Gesicht, konzentriert und mit gerunzelter Stirn blickte es auf das grünliche Flackern vor sich. Das Mädchen bemerkte mich nicht. Zittrig und nervös dirigierte sie die Maus über die Arbeitsfläche, die zierlichen Finger ihrer linken Hand verweilten auf ihrer linken Wange, als wolle sie sich selbst beruhigen. Wahllos klickte sie durch die einzelnen Menüs, unter jeder weiteren Fehlermeldung schien sie heftiger zusammenzuzucken. Die junge Frau war ganz ohne Zweifel neu hier.

Von einer seltsamen Unsicherheit erfüllt dauerte es einen Augenblick, bis ich mich entschlossen hatte sie anzusprechen, ihr die kleine Hilfestellung zu geben, nach der sie so verlangte. Als hätte sie meine Gedanken gehört hob sie den Blick, ratlos nahm sie die Brille ab, rieb sich die Nasenwurzel abgespannt zwischen zwei Fingern und war gerade dabei, sie wieder aufzusetzen, als sie mich bemerkte. Heftig zuckte sie zusammen, errötete augenblicklich und stieß bei dem tollpatschigen Versuch, sich nichts anmerken zu lassen, beinahe die Maus vom Schreibtisch - konnte sie gerade noch daran hindern, auf den Boden zu fallen, und klickte daraufhin das nächstbeste Icon an, das unter ihren Mauspfeil geriet.   

Ich war schon im Begriff den Mund zu öffnen, als mich eine auffordernde Stimme von hinten daran hinderte. Was ich so herumzustehen hätte, raunzte sie, ich solle endlich die angeforderten Unterlagen abliefern.  Sofort wollte wieder der Rollenmechanismus selbstloser Unterwürfigkeit greifen, ich spürte wie die Zwänge meines Angestelltendaseins an mir zerrten, aber zum ersten mal war ich nicht bereit, dem blindlings nachzugeben. Ohne mich dem Forderer zuzuwenden ging ich auf die junge Frau zu, das Feuer der Verlegenheit glühte auf ihren Wangen als sie noch immer linkisch die Tastatur bearbeitete. Schüchtern sich entschuldigend ließ sie von ihrer Tätigkeit ab, ließ mich gewähren als ich selbst ihre Tastatur bediente und den kleinen Fehler behob, der ihr soviel Ärger bereitet hatte. Mit einem ermunternden Lächeln trat ich zurück, fing ihren Blick auf, der mir in zurückhaltender Dankbarkeit entgegenleuchtete und saugte diesen Eindruck vollständig in mich auf. Erst danach war ich dazu bereit, die Aufgabe zu erledigen, weshalb ich überhaupt hier war. Noch nie war mir die Meinung eines Vorgesetzten so egal gewesen wie an jenem sprichwörtlich frühlingshaften Tag.

Der Rest des Tages verlief in seiner gewohnten Tristesse, nur daß mir diese nun zum ersten mal auffiel. Hatten Anfangs nur vage Schatten des Dahinsinnens meine Gedanken verschleiert, war mir konzentriertes Arbeiten kurz vor Feierabend kaum mehr möglich. Ständig erinnerte ich mich an jenen scheuen Blick, den mir das Mädchen geschenkt hatte, und ich ertappte mich dabei, daß ich unablässig nach einem Vorwand suchte, um nochmals in ihre Nähe zu gelangen. Zuerst leugnete ich den Eindruck, den das zierliche Ding wohl bei mir hinterlassen hatte, tat es als törichte Anwandlung infantiler Schwärmerei ab, aber ich bekam das tiefgründige Rehbraun ihrer Augen, das lebendige Glitzern darin nicht mehr aus dem Kopf.

Die Tage verstrichen, seit ich die geheimnisvolle Frau ohne Namen erblickt hatte, Tage die mir bewiesen, daß die infantile Schwärmerei, wie ich sie bezeichnet hatte, tiefere Wurzeln trieb, als ich das Anfangs für möglich gehalten hätte. Die wenigen Augenblicke, in denen ich mich ihrer Anwesenheit erfreuen konnte, verwandelten mich in einen völlig anderen Menschen. Ich wusste nicht genau was mich an der jungen Frau derartig faszinierte, vielleicht waren es tatsächlich ihre Augen – wunderschön waren sie, groß, beinahe kindlich und doch voller Geheimnis - aber es mochten auch ihre Hände sein, die so zierlich und zerbrechlich wirkten, wie diejenigen einer wunderschönen Porzellanpuppe.

Vielleicht war es genau das - das Verborgene, das Sie war.

Die oberflächlichen Reize, welche männliche Hormone in biologischer Zwangsläufigkeit zu erhitzen gedacht waren, fielen mir an ihr nur nebensächlich auf – oder besser, sie fielen mir anders auf. Ihre Brüste waren wohlgeformt, doch war der Liebreiz, den ich in ihnen erkannte nicht sexueller Natur, sondern war perfektes Stilmittel ihrer poetischen Schönheit.

Wie ich schon sagte, begleitete mich dieses neue Feuer fortan durch die Tage – mehr noch, es wuchs, nährte sich an den scheuen Blicken, dem sanften Lächeln, mit dem sie mich bei jeder unserer seltenen und stummen Begegnungen bedachte, bis es ausgewachsen war und beinahe sengend in mir brannte. Manchmal fragte ich mich, warum ich sie nicht ansprechen wollte,  sie zum Essen oder ins Kino einladen, aber mich stieß die Gewöhnlichkeit dieser Vorschläge, dieses Vorgehens ab – es stand in keinem Verhältnis zu dem was ich empfand, es war eine Beleidigung für den zerbrechlichen Zauber unserer Verbindung.

Genau noch erinnere ich mich an den verregneten Mittwoch, an welchem ich früher als gewöhnlich die Kantine betrat. So trüb und verhangen war es an diesem Mittwoch gewesen, daß ich wie paralysiert durch den Tag stolperte. Nicht einmal die zarte Note von blumiger Vanille nahm ich war, welche im Bouquet eines mir wohlbekannten, zurückhaltenden Duftes

schwebte; ich schob mein Tablett, stellte eine Tasse starken, dampfenden Kaffees darauf, und suchte mir von den vertrockneten Sandwiches eins aus, dessen Schinken noch keinen grauen Rand zu haben schien. Anschließend, drehte ich mich nach rechts, um nach einer Serviette zu greifen, die in den dafür vorgesehenen, verchromten Spendern steckten, aber ich hatte nicht als einziger diese Idee. Aus meinem Augenwinkel erkannte ich, wer da hinter mir stand, ebenfalls nach einem Papiertuch fischte und dabei meine Hand berührte.

Ich ...was soll ich sagen...noch nie hatte ich etwas derartiges vorher gespürt – wie ein Stromstoß durchzuckte es mich, prickelte beinahe schmerzhaft von meiner Hand hinab in meine Magengrube, wo es sich warm und behaglich ausbreitete, mein Herz schlug bis zum Hals und – so unangenehm kindlich es mir auch vorkam – dunkles Rot schoss mir ins Gesicht. Aber dem Mädchen ging es nicht anders, wieder senkte sie den Blick, so schüchtern und so scheu, aber dann erhob sie ihre Augen – ich konnte sehen, wie sie allen Mut zusammennahm, mir ein ermunterndes Lächeln zu schenken, meinen Augen nicht auszuweichen, und ich wollte verbrennen im Wunsch ihr Gesicht zu berühren, ihr die einzelne dunkelblonde Strähne aus dem Gesicht zu streichen um ihre warme seidige Haut zu spüren, welche mir erhitzt entgegenstrahlte. Dann jedoch zerrissen ärgerliche Äußerungen diesen Augenblick, warum es denn nicht weiterginge war eine der freundlicheren, und peinlich berührt wurde mir das Rampenlicht klar, in dem sich das gerade abgespielt hatte. So gingen wir getrennt an unsere Plätze. Da jede Abteilung ihr eigenes abgestecktes Gebiet in der Kantine hatte - deren Grenzen einzuhalten ein ungeschriebenes, informelles Gesetz war - blieb uns nur ein wehmütiger, stummer Blick zum Abschied – um so eindeutiger in seiner Botschaft.

Auch dieser Tag verging und ich wusste, daß ich sie ansprechen musste.

Der Zeiger war schon an der fünf Uhr Marke vorbeigekrochen, als ich immer noch auf meinem Schreibtisch herumkruschte um die Tatsache zu verschleiern, daß ich wartete. Dann endlich - 12 nach Fünf -  ging sie an mir vorbei - wie seltsam, dachte ich, daß sie so gar keine Notiz von mir nimmt - und ich musste mich beeilen ihrem zügigen Schritt zu folgen. Beinahe außer Atem erreichte ich die Haupttür - ich wollte sie doch noch erwischen, endlich Kontakt mit ihr aufnehmen - sah wie ein dunkelroter Wagen vorfuhr, anhielt und sich die Fahrertür öffnete. Aus der Glastür herausstolpernd, beobachtete ich nur noch wie jemand aus diesem Wagen herausstieg und das Mädchen durch seine innige Umarmung vor mir verbarg.

Starr stand ich da, fing den vernichtenden Blick des Mannes ein, konnte der jungen Frau nicht in die Augen sehen und klammerte mich an meinen Aktenkoffer, der mir zum einzigen, erbärmlichen Anker geworden war. Der Wagen fuhr gesittet, ohne ein Körnchen Staub aufzuwirbeln, davon.

Ich kann kaum Worte für das Gefühl der Niederlage finden, welches mich am nächsten Morgen mit dem Erwachen überfiel. Wie zähflüssiges Magma verband sich der Schmerz, den ich empfand, die Wut und die Erniedrigung zu einer brodelnden Suppe kochenden Gifts, welche meine Seele zersetzte –  welche mir den fragilen Hauch der Hoffnung wieder aus dem Herzen riss, eine dunkelrot pulsierende Wunde zurücklassend.

Ich kam wie gewohnt zur Arbeit, an jenem Morgen, doch spürte ich wie die Wellen meiner inneren Verwesung um mich schlugen; es war als sei die typisch kollegiale Distanz nicht mehr weit genug, so groß war der Bogen, den jeder Mitangestellte um mich schlug.

Zum Teufel sollen sie alle gehen, verfluchte Brut! Nichts als Heuchelei sah ich verschlagen in jedem Gesicht schwelen, mich ekelten sie an, die Frauen, welche wie beiläufig ihre Röcke nach oben schoben und die Männer welche unverhohlen gierige Blicke nach vermeintlich willigem Fleisch schleuderten. Menschentiere, brüllte ich innerlich, fleischgeiles Gesindel, warum reißt ihr euch nicht eure Kleider vom Leib, setzt euch breitbeinig auf die Gesichter der Primaten, die ihr Kollegen nennt; und ihr, warum werft ihr euch nicht grunzend auf das läufige Freiwild und, zeigt jedem das Primitive, das ihr hinter eurer elegant kühlen Fassade verbergen wollt – weil wir Anstand haben, hörte ich sie innerlich säuseln, weil das hinter der Maske des gesellschaftlich Akzeptierten verborgen bleiben muß.

Eine mörderische Wut schlug von innen gegen den stillen Angestellten, der ich war, nicht weil ich die anderen hasste, weil ich mich hasste - mich und das schreiende Verlangen nach dem dunkelblonden Mädchen, das mir nicht gehörte. Schweigt, tobte die gequälte Stimme meiner Moral, ich ergebe mich euch nicht, ich bin Mensch, Kind Gottes und Freiheit hatte er  uns geschenkt selbst zu entscheiden und keines seiner Gebote werde ich im Namen des Fleisches vergewaltigen – keines! Nie werde ich mich den Reizen einer Frau unterwerfen, die nicht mir zugedacht ist!

Mich in meiner eigenen, vermeintlichen Reinheit badend ging ich gehetzt zu meinem Schreibtisch, erkannte, wer sich rasch von ihm, dem Schreibtisch, entfernte und mir einen traurigen Blick entgegenschleuderte - ich wurde beinahe aufgespießt von der Hitze, die dieser Blick in mir zu entfachen vermochte. Zittrig näherte ich mich meinem Arbeitsplatz, nahm ihn wahr den kleinen gelben Zettel, der so unbefangen neben meinem Briefbeschwerer lag, dennoch eingehüllt vom schwarzen Gestank eines bösen Omens.

Eine Adresse stand darauf. Und eine Uhrzeit. Kein Name. Eine schwache Wolke süßer Vanille hing beinahe lachend darüber. Wo ist sie jetzt deine Moral, lachte eine schrille Stimme in mir, wo ist sie denn, etwa in der fiebernden Erregung, die dich durchströmt, während du diesen Zettel in der Hand hast? Du hast ihn verraten, höhnte sie, deinen Gott verraten, mit geilem Fleisch dich selbst beschmutzt, Judas, Judas, Judas!

Nein, fauchte ich, nein, das ist nicht wahr, ich bin Herr meiner Selbst, ich kann selbst entscheiden – wie geheuchelt klangen mir die eigenen Worte in den Ohren, tobende Fantasien der Begierde irrlichterten in meinem Schädel, pumpten das Blut durch meinen Körper, verurteilten mich gerade jenen Körper so brennend zu begehren, dem ich trotzig wie ein Kind entgegenplärrte, das nicht zu tun.

Den ganzen Tag hatte dieser Kampf gedauert, dann endlich war die blutige Schlacht in meinem inneren vorüber. Selbst wenn ich jener biblischen Versuchung standhielte - der Einladung nicht nachkäme, wäre es nicht mein Wille, meine Überzeugung die mich dazu veranlasste; nur die Angst vor meinem Gewissen hätte mich aufgehalten - also gab ich meinem Verlangen nach; lieber ein Verräter als ein Heuchler.

Schwer vom Blei der Erschöpfung waren meine Schritte, als ich das Treppchen hochwankte, als ich mich kraftlos an der unauffälligen Tür abstützte und mit zitternden Fingern die bronzene Klingel betätigte. Nochmals vergewisserte ich mich, nahm den schmierigen kleinen Zettel hervor, ja hier war ich richtig. Wohl war eine Sprechanlage angebracht, aber ohne Nachfrage summte die Tür, ich wurde ja auch erwartet, nicht wahr?

In einem Dämmerzustand kroch ich die Treppe im Innern des Hauses hoch, der Krieg in meinem Kopf lebte wieder auf, blutig verstümmelten sie sich gegenseitig - Verstand und Herz - Seele und Fleisch, keinen Kompromiss fanden sie mehr, keine Niederlage und keinen Sieg, einen ewigen Kampf fochten sie, ein Gefecht, aus dem es kein Entrinnen gab.

Die Tür oberhalb der Treppe öffnete sich, das Mädchen stand da, goldenes Licht schien sie zu bestäuben, getragen vom süßen Duft ihres Parfums. Locker lagen ihre Haare auf ihrem eleganten, schmerzhaft schönen Abendkleid; sie ließ mich ein, kein Wort sagten wir zueinander, sie ging vor mir her, drehte sich verführerisch lächelnd zu mir um - Schuld und Verlangen brüllten mich an, zerrten wie irr an meinem Selbst - wie von Fäden gezogen folgte ich ihr ins Schlafzimmer; zwei Gläser Wein standen auf einem kleinen Tischchen, eine lange dünne Kerze atmete Zärtlichkeit in den Raum, sie setzte sich, aber ich...ich konnte nicht, das bin ich nicht, sie gehört jemand anders, es ist falsch, falsch, es ist falsch! Aber wie sie da saß, wie sie doch da saß, das Satin ihres Kleides streichelte ihre Haut, fasste sie ein in silbernen Glanz und ihre Augen baten mich, sie flehten mich an ihren Körper zu berühren; ihre Lippen bebten, ihr Atem zitterte in verhohlener Erregung, ich sank auf die Knie, Tränen der Verzweiflung schossen mir wie Geisiere in die Augen, ich ertrug den stechenden Schmerz der Sehnsucht nicht mehr, aber das Lachen, das kreischende Lachen, daß mich verhöhnte, mich verspottete, mir all meine inneren Moralpredigten entgegenspie, sie in ein verlachendes Echo verwandelte und mich als den windenden Wurm darstellte, der flennend wie ein Kind am Boden kauerte, das ertrug ich genauso wenig.

Ich nahm nicht wahr, daß jemand hinter mich getreten war. Nur der Ausdruck kühlen Triumphs auf dem Gesicht der Frau wurde mir gewahr, ich drehte mich also um und erblickte den Mann, der sie von der Arbeit abgeholt hatte.

Ich erhob mich, schiere Verblüffung ließ mich dem ebenfalls weinenden Mann arglos entgegentreten, dann explodierte es, glühend wie der Atem Satans explodierte es in meinem Unterbauch, Hitze ergoss sich über meine Beine, und ein brüllender Donner zerfaserte im Raum. Im gleichen Moment sackten sie zusammen, meine Beine, während sich die Explosion in meinen Eingeweiden in klamme Kälte verwandelte. Erst hatte ich nicht begriffen, aber jetzt sehe ich es, die Klinge in der Hand des dunkelhaarigen Mannes, triefend von dunklem rot – und ich höre es, den Donner, der nichts weiter ist als die kakophone Mischung aus meinen Todesschreien und dem entsetzten Gellen der Frau. Taub wird alles - oh wie herrlich das doch ist - jedes Gefühl stirbt in mir, das Feuer der Verzweiflung erlischt, alles erlischt; warm, wie süß und warm erbrechen meine Eingeweide alles Leben auf den Boden...ich sehe...ich sehe...fürwahr...befreit bin ich vom Toben des Fleisches, von der Verzerrung der Hoffnung und der Lüge der Angst...ich sehe das Mädchen...entstellt ist ihr Gesicht von Entsetzen...doch ich sehe die Befriedigung in ihren Augen...die Befriedigung darüber, daß für sie gemordet wurde...ich sehe die Tränen des Mannes...Traurigkeit, nicht über meinen Tod, sondern Traurigkeit darüber, daß er für seinen Mord bestraft werden wird... wie mit Augen Gottes sehe ich die hässlichen Gedanken, die der Mensch sich mit Moral und Anstand zu überdecken sucht, ich sehe das Fleisch in jeder Ethik, ja, auch an mir, ich vergiftete mich selbst, ich aß den Apfel, den die Schlange Eva in die Hände legte, obwohl ich mein ganzes Leben an meine eigene Moral geglaubt habe, ich selbst, meine ganze Existenz ist eine Lüge, sie ist es schon immer gewesen...der Mensch ist ein Tier, zerfressen von der blinden Arroganz das nicht zu sein...aber ich sehe, ich sehe - auch wenn meine Augen trüb werden und mein Körper kalt; noch nie hatte ich gelebt, doch nun tue ich’s, welch Ironie, ich lebe in den Tod hinein....meine Brust krampft sich in einer letzten Lähmung zusammen, Blut presst sich meine Kehle hoch, tropft mir in warmen Perlen das Kinn hinab, wie Tränen Edens besiegeln sie Gottes Niederlage, sie beweinen die gestorbene Hoffnung, der Mensch trage den Kern des Guten in sich; sie waschen meine geblendeten Augen gesund und damit den Wunsch zu leben aus meinem Herzen...beinahe gierig fasse ich nach dem kühlen Schlummer, der sich sanft und still auf mich herniedersenkt, mit tiefer und ruhiger Stimme ruft er nach mir, fasse meine Hand, höre ich ihn wispern, fasse meine Hand, fasse meine Hand, fasse meine Hand...



Impressum

Zurück zur Storyauswahl:


ShortStories



HomebaseLeseprobeShortStoriesKontaktBestellungLinks#GästebuchHörbuch
Presse

(c) A. Stiegler 1985-2005 A.Stiegler