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Der Wind hatte
Augen. Zweifellos. Haelwyn jedoch tat sich schwer dies zu akzeptieren.
Seine
Schritte federten leicht über das warme Gras und seine glitzernden
Augen flogen
über die Apfelbäume, die sich in dem wild bewachsenen Tal
niedergelassen
hatten. Er konnte Myannahs Sorge nicht nachempfinden, spürte diese
aber als
schwere Last auf sich ruhen.
„Was glaubst du
könnte es sein?“, es war ungewohnt für ihn, dem besonnen Gang
des Mädchens
nicht immer wieder vorauszueilen, aber das erschien ihm jetzt nicht
richtig.
Myannah berührte
ihn sanft an der Wange und lächelte ihn an.
„Ich glaube gar
nichts, es ist nur ein Gefühl, es...lass dich davon nicht zu sehr
verunsichern.“
Sie wollte ihn
beruhigen, er konnte es spüren. Ihre großen grauen Augen
versuchten ihn
aufmunternd anzusehen, doch er erblickte etwas darin was er kaum
kannte, was
ihn dafür um so mehr verstörte. Zu gerne wollte er losrennen,
in den Wald
spähen, der sich am Horizont abzeichnete um zu sehen was es dort
Neues gab,
welche Geschichten auf ihn warteten. Aber er konnte nicht, Myannahs
Unruhe
schwappte auf ihn über und er zwang sich mit ihr zu gehen.
„Dann lass uns
umkehren, wir halten uns links von der Sonne und wandern in den
Bärenwald!“ nur
von dem Gedanken begannen seine Augen zu funkeln, „Ich wollte ihn dir
schon
immer zeigen, Myannah, er schmiegt sich an einen sanft ansteigenden
Hügel und
die Kalksteinfelsen die ihn überziehen, sind von Gewächsen
aller Farben umwachsen
– eisige, blaue Bäche tanzen hindurch und.... hast du schonmal
einen Eisvogel
gesehen? Sie sind höflich und zuvorkommend und nicht halb so
ungestüm wie etwa
die Stare hier...“
Er verstummte
als sie einfach stehen blieb. Der ängstliche Ausdruck ihrer Augen
schien sich
wie eine schwarze Decke über ihren zierlichen Körper zu
werfen.
„Glaubst du, das
würde etwas ändern?
Der Wind ist
schon seit Tagen kühler als er es sein sollte und...ich mag seinen
Geruch
nicht.“ Hilfesuchend fasste sie nach Haelwyns Hand. Er erschrak als er
spürte,
wie sie zitterte. So hatte er sie noch nie erlebt.
„Ich glaube
nicht, daß es aus einer bestimmten Richtung kommt – es wird stärker,
Haelwyn, und was es auch sein mag, ich befürchte das wir ihm nicht
so einfach
davonrennen können.“
Er schwieg. Sie
hatte recht. Wenn er es sich auch noch so sehr dagegen sträubte,
die Luft war
anders, es war etwas in ihr – etwas, das da nicht hingehörte.
Er konnte den
Ruck förmlich sehen, der Myannah durchströmte und die Angst
von ihr
fortzuscheuchen schien. Ihr honigfarbenes, kindliches Gesicht
erstrahlte in dem
weichen Lächeln, das Haelwyn so an ihr liebte – es besteht
noch Hoffnung, schien
es zu sagen, es wird alles wieder gut.
„Außerdem
müssen
wir weitergehen, ich kann die Erde atmen hören – ganz in der
Nähe wartet ein
neues Leben darauf die Welt zu erblicken und ich muß zu ihm –
muß ihm helfen,
selbst wenn Sie die ganze Welt um uns verschlingen würden.“
Sie.
Damit sprach sie endlich die stumme Angst aus, die sich über sie
wölbte wie ein
brüchiger Felshang. Sie. Haelwyn glaubte nicht an Sie,
nicht
wirklich, aber der bittere Geruch, den der Wind mit jeder Bö
herantrug
unterspülte seine Sicherheit mit jedem Schritt. Myannah aber
fürchtete Sie und
zwar so sehr, daß sie nichteinmal ihren Namen auszusprechen
wagte. Die
dunklen Wanderer.
Trotzdem war sie
es, die Haelwyn Mut machen musste.
Tapfere,
kleine Myannah.
Wenigstens die Erde atmete wieder.
Sie waren nun
schon fast zwei Monde unterwegs seit Myannah das letzte mal die Erde
atmen
hörte und tief im inneren hatte er befürchtet, daß ein
Zusammenhang zwischen
dem bitteren Wind und der stummen Erde bestehen könnte....
Düsterer
Schatten von Jenseits der Zeit – Verpester der Luft und Vergifter der
Erde....
Nein, er dachte den Vers nicht zuende. Die
Erde
atmete, also konnten sie es nicht sein, durften es nicht sein – den Hauch von Zweifel
ignorierte er einfach.
Er sah sich um und erblickte die kleine
Versammlung
von Apfelbäumen, die sich schon von Weitem abgezeichnet hatte.
Diesmal aber
wollte er sich aber nicht auf den behäbigen Gang des Mädchens
einlassen. Alle
Sorgen vergessend ergriff er ihre Hand und zog sie einfach mit sich als
er
seine leichtfüßigen Schritte beschleunigte. Trotz des
seltsamen Geschmacks der
Luft tummelten sich darin die Düfte von Moos, Rinde und den
rotbackigen Äpfeln
die sich in Trauben an die Äste der Bäume klammerten. Haelwyn
flog geschickt an
den Blumen vorbei, die sich schüchtern im wilden Gras verbargen.
Myannah jedoch
tat sich sehr schwer diesem raschen Schritt zu folgen und wäre
beinahe über
einen kleinen Ginsterbusch gestolpert. Nichts desto trotz leuchteten
ihre
Wangen ebenso vergnügt wie die der dicken Äpfel als sie an
der Baumgruppe
angelangt waren. Haelwyn stützte sich an einem knorrigen Stamm ab
und
schnaufte.
„Hallo, Freund Baum!“
Freundliches Rascheln und Knarren drang
aus der dicht
belaubten Krone. Haelwyn lehnte sich rücklings an die vom Alter
zerfurchte
Rinde und grinste Myannah an.
„Komm schon, sei nicht so schüchtern
– ich bin sicher
mein alter Freund hier hat eine kleine Wegzehrung für uns“
Er breitete beide Arme aus und ließ
die
offenen
Handflächen nach oben sehen. Dabei wurde sein Grinsen so breit,
daß Myannah
unweigerlich Lachen mußte. Jetzt war er wieder ganz der
vergnügte kleine Junge
und die Grübchen in seinen Wangen verliehen ihm diese
unbetrübliche
Ausstrahlung. Ehe Myannah etwas erwidern konnte fielen zwei stattliche
Herbstäpfel in die Handflächen des Jungen.
„Hab Dank Freund Baum!“ er blickte zu ihr
rüber und
rammte sich seine apfelbeladenen Hände übertrieben in die
Hüften, „Na was? Soll
ich die etwa ganz alleine essen? Willst du unseren Gastgeber
beleidigen?“
Ohne auf sie zu warten ließ sich
Haelwyn
auf den
Boden nieder. Als sie sich selbst am Stamm herabgleiten ließ,
drängte sich das
Gras an der Wurzel zusammen und bereitete ihr ein weiches Polster.
Dankbar
schmiegte sie sich sowohl an Gras, an Rinde und natürlich an
Haelwyn der schon
zufrieden schmatzte als sie ihm noch den appetitlichen Apfel aus der
Hand
klauben musste.
Sie verzehrten die süße Frucht
schweigend und
dankbar. Als sie fast fertig war, bemerkte Myannah, daß der Baum
immernoch
raschelte und knarrte, obwohl Haelwyn gar nichts mehr zu ihm gesagt
hatte. Also
bat sie ihn, daß er ihr das doch übersetzen möge.
„Oh das. Nun, er sagt immer noch >Guten
Tag!<“
Haelwyn hatte seine
Sorgen schon beinahe
vergessen.
Sobald er sich in der Zwiesprache mit der Natur befand, konnte ihn
nichts aus
der Ruhe bringen. Myannah beneidete ihn um diese Fähigkeit. Sie
sah sehnsüchtig
in sein verträumtes Gesicht wie er so da lag und der unendlich
langsamen
Sprache des Baumes lauschte. Seine Haare müßten schon lange
wieder einmal
geschnitten werden. Sie hingen ihm in unordentlichen Büscheln
über die Ohren
und in die Augen. Haelwyn war das egal, sauber mußten sie sein,
nicht kurz.
Trotzdem schnitt er sie sich gelegentlich, wenn auch nicht aus
Gründen der
Körperästhetik, er hielt es einfach für praktischer. Ein
Glück, daß sich kein
einziges Baarthaar auf sein Gesicht wagte und das obwohl er schon
zwanzig Jahre
alt war.
Sie schmiegte sich an ihn, sog den Duft
von Laub, Erde und
Moos ein
den er ausströmte und wünschte sich von Herzen dieser bittere
Geschmack in der
Luft möge nur eine Täuschung sein, eine Einbildung, ein
Alptraum, irgend etwas.
Sie wußte das Sie es
durchaus sein
konnten. Ja die Erde atmete wieder, aber es war nur ein schwacher Hauch
von
Leben, der nach ihr rief und dieser Ruf schien mit demselben bitteren
Geschmack
durchsetzt zu sein wie die Luft. Doch das würde sie Haelwyn nicht
sagen. Er
ertrug es nicht wenn sie beunruhigt war oder sich fürchtete und
sie ertrug
seine liebenswerten aber hilflosen Versuche noch viel weniger, mit
denen er sie
aufzumuntern versuchte. Ihr Herz wurde immer schwerer als sie ihn so
ansah. Er
hatte die Augen geschlossen. Ob er immernoch dem Baum lauschte oder
schlief
wußte sie nicht. Sie küsste ihn auf die Wange – er
lächelte ohne die Augen
aufzuschlagen. Oh, wenn sich die Prophezeiungen doch nie
erfüllten...
könnte die Welt nicht für immer so sein wie sie es jetzt ist?
Sie dürfen nicht
kommen, sie sollen für immer da bleiben wo sie jetzt sind -
>Düsterer
Schatten von Jenseits der Zeit...< nein das darf einfach nicht
sein...
Sie zuckte zusammen als sie den Atem der
Erde so
plötzlich spürte...er war so kalt. Sie
begann zu zittern. Die Dämmerung senkte sich allmählich
über die weiten Felder
mit dem spärlichen Baumbewuchs, als ihr Geist in den Boden
tauchte. Sie sah die
Gräser, die noch ungeboren in ihren Samen schlummerten, sah
Haselnüsse,
Kirschkerne und Blumenzwiebeln, erkannte den dichtbewachsenen Busch, zu
dem
eine schwächliche, kleine Haselnuß heranwachsen würde
und ertastete all die
genügsamen Käfer und Würmer, die nur darauf warteten,
aus ihren Eiern zu schlüpften
und zu stattlichen Larven erstarkten. An all dem flog ihr Geist vorbei,
sie
suchte das neue Leben. Dasjenige, das die Welt noch nicht gesehen hatte
und von
der Welt noch nicht gesehen wurde – sie würde es in der Erde
erspüren, bevor es
überhaupt da war und sie würde ihm erklären was seine
Bestimmung war – wer es
sein würde. Ich bin die Mutter der Welt.
Der Satz aus ihrer Kindheit flog ihr beinahe zwangsläufig
entgegen.
Beinahe glaubte sie schon den Atem wieder
verloren zu
haben, doch dann fasste es mit erfrorenen, hilflosen Händen nach
ihr, so
plötzlich, daß Myannah glaubte, ihr Herz würde stehen
bleiben. Es war so kalt....
Allmählich tastete sie sich heran und dann hatte sie
es gefunden, so schwach, daß sie die Gestalt, die es später
einmal haben würde
nichteinmal erahnen konnte. Ihr Geist schmiegte sich daran und erbot
ihr alle
Energie die sie entbehren konnte. Die Zeit um sie herum verschwamm und
erst als
sie selbst glaubte erfrieren zu müssen kehrte sie in ihren
Körper zurück. Es
war bereits mitten in der Nacht. Haelwyn schlief während er sich
wärmend an sie
lehnte und seine Jacke über sie geworfen hatte. Sogar das Gras
schien sich
dichter um sie beide zu drängen um kein bisschen Wärme
entweichen zu lassen. Es
dauerte noch eine Weile bis sie einschlafen konnte, aber das leise
Rascheln des
Baumes ließ ihr dann doch die Lider zufallen – ob er mit jemandem
sprach oder
einfach ins nichts flüsterte wußte sie nicht zu sagen.
Als sie am nächsten Tag aufwachte,
lag immernoch die
Weste über ihr und der Platz neben ihr war warm, wenn auch leer.
Noch immer
zitterte sie leicht und das obwohl die Sonne auf ihre Haut schien.
„Guten Morgen Freund Baum!“
Sie wußte nicht, ob er die
menschliche Sprache
verstand oder Haelwyn sich aus einem anderen Grund mit allen Lebewesen
unterhalten konnte – jedenfalls aber raschelte der alte Apfelbaum
höflich
zurück. Als sie sich umdrehte sah sie, daß Haelwyn wohl ein
Stück ihres Weges
vorausgegangen war und nun mit vollen Händen und Backen wieder
zurückkehrte. Er
strahlte sie so glücklich an, daß sie beinahe versucht war
ihre Sorgen zu
vergessen. Stattdessen erwachten sie um so schmerzhafter. Er
wird es
nicht ertragen, wenn die Prophezeiung sich erfüllen sollte. Das war ihr eigentlich schon immer klar
gewesen,
aber als sie seinen unbeschwerten Gang sah, seinen rastlos
umherschweifenden
Blick in dem diese unschuldige Neugier lag, stach ihr die Erkenntnis
mitten ins
Herz. Sie lächelte ihn trotzdem an und war froh, daß er den
Schmerz darin nicht
erkennen konnte.
„Sieh mal, Haselnüsse und Pflaumen!“
Myannah küsste ihn auf den Mund, als
er sich zu ihr
auf den Boden gesetzt hatte und schmeckte wie süß die
Pflaumen sein mußten.
Haelwyn schwieg eine Weile.
„Du hast gezittert, letzte Nacht...“
Er ist nicht
so sorglos, wie ich glaube...
„Es ist das Leben, ich habe es gefunden.“
Sein Blick haftete weiterhin auf ihr als
ob er ihre
Sorge doch sehen könnte.
„Ich war zu lange bei ihm gewesen, ich
habe mich
übernommen. Mach...dir keine Sorgen.“
Aber er tat es doch. Still reichte er ihr
eine Hand
voll Nüsse und legte die duftenden Pflaumen zwischen sie beide in
das warme
Gras, das sofort eine Mulde dafür bildete. Er knackte eine
Nußschale und
blickte nachdenklich in den klaren blauen Himmel.
„Mir ist klar, daß die Luft heute
bitterer schmeckt als
gestern. Es zieht herauf. Und ich denke ich weiß warum du gestern
Nacht
gezittert hast.“
Er bemühte sich um ein aufmunterndes
Lächeln, aber
seine Hand drückte die ihre nur schwach und seine Stimme zitterte
in der tiefen
Traurigkeit, die er zu unterdrücken versuchte. Sie hätte ihm
gerne Trost
gespendet, irgendetwas zu ihm gesagt, das ihn beruhigt hätte...
stattdessen nahm sie ihn in die Arme und
hätte am
liebsten geweint.
Dunkler
Schatten von Jenseits der Zeit....
„Du musst gehen!“
Er sah sie an, aber sie konnte seinen
Gesichtsausdruck nicht deuten.
„Ich weiß.“
„Sei in einer Woche wieder zurück –
dann wird es
neben mir liegen....es wird kräftig und gesund sein, es wird sich
schon auf
dich freuen....du mußt ihm doch alles über diese Welt hier
erzählen, du mußt es
doch mitnehmen...“
Sie konnte spüren, wie sich ihre
Augen mit Tränen
füllten - wenn sie es doch selber glauben könnte. Wenn
Haelwyn etwas davon
bemerkte, verbarg er es gut.
„Jeder wird aufatmen wenn er hört,
daß die Erde wieder
atmet... es werden sich alle darum streiten....so wie immer. Die
Eichhörnchen
schwören mir schon lange, daß es Zeit für eine neue Art
von Baumbewohnern
würde! Ha... Eichhörnchen wissen immer alles... Und...und die
Rotschwänzchen –
die werden mir so lange die Ohren vollzwitschern, bis ich ihnen
erzählt habe,
daß es ein großer und fröhlicher Vogel sein wird, der
den mürrischen Raben
endlich etwas Humor beibringt.“
Trotz ihrer Traurigkeit mußte
Myannah unweigerlich
Lächeln,
„Wissen sie nicht, daß das Neue
Leben erst Gestalt
annimmt, wenn die Erde es geboren hat?“
„Doch. Schon. Sie glauben wahrscheinlich
das es wahr
werden würde wenn sie es nur oft genug behaupten.“
Er sah sie ernst an und drückte sie
dann fest an
sich. Es dauerte einen Augenblick, bis er sich wieder von ihr
löste, eine Weile
zögerte und dann aufstand. Er öffnete den Mund, brachte aber
keinen Ton heraus,
drehte sich stattdessen zu dem Baum.
„Danke für alles Freund Baum“,
flüsterte er beinahe
unhörbar, „pass gut auf sie auf...“
Sie winkte ihm zu und er winkte
zurück, aber keiner
sagte ein Wort als er langsamer als sonst den Weg fortsetzte, den sie
vor zwei
Monden eingeschlagen hatten. Selbst der Abschied des Baumes klang wie
ein
trauriges Ächzen und es verklang erst, als Haelwyn schon
längst am Horizont
verschwunden war.
Normalerweise hätte Haelwyn den Wald
nicht erst am
späten Nachmittag erreicht, aber Myannah machte ihm zu schaffen.
Sie hatte
versucht ihre Trauer und Befürchtungen zu überspielen, sie
wollte ihn nicht
beunruhigen. Und sie wußte, daß er da geblieben wäre,
wenn sie ihn darum
gebeten hätte. Aber sie wußte genauso, daß er ihr
nicht helfen konnte, wenn sie
das ungeborene Leben in die Welt geleitete. Außerdem war der
Apfelbaum ein
gutmütiger Kamerad, der seine Krone über sie beugen
würde, wenn es regnete und
immer etwas zu essen für sie hätte.
Tapfere,
kleine Myannah.
Er spuckte aus, der bittere Geschmack
ließ
sich aber
dennoch nicht vertreiben. Haelwyn ignorierte es und ließ seine
Augen
über die
Landschaft wandern. Die Wiesen waren hier kräftig und grün
und er blickte auf
den Waldrand, der sich ausgefranst vor ihm in den Himmel hob. Die Luft,
so
bitter sie auch war, duftete nach Tannenadeln, Pilzen und gärendem
Laub und
jeder Baum der ihn sah knarrte ihm seine Grüße entgegen. Das
Moos fühlte sich
flauschig unter seinen Füssen an und allmählich schloss sich
sich das heimelige
Zwielicht des Waldes um ihn, hier und da von den Lichtlanzen des
Sonnenuntergangs durchstossen. Schon sah er die ersten Kaninchen, die
ihn
begleiteten indem sie von Stamm zu Stamm huschten und sich nicht so
recht
trauten hervorzukommen. Der Wald vibrierte in tausend Sprachen, die
Wipfel
flüsterten in unendlich langsamen Sätzen miteinander
während die Vögel wild und
ungestüm umherkeckerten. Wenn er ganz genau aufhorchte, konnte er
sogar die
eigenbrötlerischen Monologe der Borkenkäfer hören, die
unter Baumrinde ihrem
behäbigen Geschäft nachgingen. Der erste aber, der ihm
über den Weg lief, war
ein alter Rehbock. Er war ernst wie alle Rehböcke und
interessierte sich
nur für das Ungemach das er selbst erdulden mußte. Für
Haelwyns Geschichten
hätte er kein Ohr und so ließ er ihn einfach reden. Er
mußte
grinsen als das
Tier frotzelnd von dannen trottete.
Guter, alter
Rehbock.
Allmählich wurde es dunkel und
Haelwyn war an einer
Lichtung angelangt, die ihm sofort gemütlich erschien. Die ersten
Sterne
funkelten freundlich zu ihm herunter und er lehnte sich gegen einen
kleinen
Felsen, der nach Erde roch. Das Efeu, das sich um diesen Felsen rankte,
drängte
sich zusammen, damit er ein weiches Kopfkissen hatte. Er blickte gegen
den
Himmel und wo er früher unbekümmert eingeschlafen wäre,
hielt ihn der Gedanke
an Myannah wach. Ob sie sich wieder durch die Nacht zitterte?
Er seufzte tief, als ihn etwas am Ohr
kitzelte.
>Du siehst
traurig aus, Freund Haelwyn, traurig! Was bedrückt dich? Hast du
Angst?<
„Oh, hallo Freund Eichhörnchen! Alles
in Ordnung, ich
bin nur...“
Es sprang ihm auf die Schulter, und vor
ihm auf dem
Boden, wo es ihn auf zwei Beinen stehend mit frech bebenden
Schnurrhaaren
musterte.
>Es ist die
Luft nicht wahr, die Luft! Sie riecht seltsam, riecht sie! Bitter!
Kalt!
Seltsam...<
Sogar die
Eichhörnchen können es spüren...
>Ich weiß,
Freund Haelwyn, kann auch sehen. Die Erde, atmet wieder, wir alle
sehen, spüren
– kalter Atem, seltsamer Atem, seltsame Luft!<
Haelwyn lächelte es an, ihm war so
schwer ums Herz,
daß er geräuschvoll ausatmete. Er reichte dem
Eichhörnchen seine Hand.
„Laß uns über etwas anderes
reden – wie geht es dir?
Wie geht es meinem alten Freund Buche? Haben seine Äste deinen
Nachwuchs
verkraftet?“
>Verkraftet,
ja. Sind aber weiter gezogen, andere Buche. Komme viel herum, viele
Freunde
viel Leben, nicht nur alter Platz. Langweilig. Aber Buche ja, ich mag
die Früchte,
sind lecker, lecker. Hast du Hunger, auf Buche, Hunger?<
Da konnte Haelwyn nicht nein sagen, sofort
verschwand
der kleine Bursche raschelnd in den Büschen und kehrte einen
Herzschlag später
vollgepackte mit Bucheckern zurück. Es waren nicht viele, aber
Haelwyn hatte
schon gegessen und es war die Geste, die zählte. Das
Eichhörnchen legte sich
auf seine rechte Schulter und schlang seinen buschigen Schwanz um
Haelwyns
Hals. Er genoss den schnellen Herzschlag an seiner Wange und den Geruch
von
sauberem, warmen Fell. Der Mond begann aufzugehen während sie
redeten und das
Eichhörnchen konnte nicht genug hören von Seen, weiten Wiesen
und den fremden
Lebewesen die dort hausten. Haelwyn wußte wie sehr es diese
Geschichten mochte
und wie jedesmal versprach es ihm, daß es ihn eines Tages
begleiten würde – es
wollte unbedingt einmal einen Hecht sehen wie er durch die Fluten
schnitt oder
einer Forelle begegnen. Natürlich würde es nie mitkommen. Es
war ein
Eichhörnchen, schnell begeistert, aber noch schneller wieder auf
den Bäumen
verschwunden.
Der Mond war bereits hinter den
Baumwipfeln
verschwunden, als ihm endlich die Augen zufallen wollten. Das
Eichhörnchen war
ebenfalls sehr ruhig geworden, doch plötzlich schreckte es auf und
schnupperte.
Haelwyn wurde schlagartig wach. Er roch es auch. Der bittere
Beigeschmack der
Luft war nun beinahe fühlbar, er wogte ihm in Böen entgegen
und Haelwyn
verschlug es fast den Atem. Wieder spuckte er aus, wieder und wieder,
aber es
setzte sich auf seinem Gaumen fest und ließ sich nicht
vertreiben.
Erschrocken
stellte er fest, daß er die Natur um sich herum nur noch
verschwommen
wahrnehmen konnte. Das ständige und beruhigende Geflüster der
Pflanzen verstand
er nur noch wenn er vor Konzentration die Augen zusammenkniff, selbst
die verborgenen
Tiere konnte er nur noch in Schemen wahrnehmen. Die Luft legte sich wie
ein
Schleier aus kalter Asche darüber, schien jedes Leben ersticken zu
wollen. Das
Eichhörnchen stellte sich unruhig auf und blickte sich um, zuckte
heftig
zusammen als es das Rascheln in den Baumwipfeln hörte. Das
Rascheln brachte
eine weitere Bö der verdorbenen Luft mit sich. Haelwyn zwang sich
nicht zu
würgen.
„Geh, Freund Eichhörnchen, geh!“
Es blickte ihn nur noch an. Wenn es etwas
zu ihm
sagte, verstand er es nicht mehr und so setzte er es behutsam auf den
Boden.
Das Rascheln ertönte erneut, näher, bedrohlicher.
„Na los, ich komme schon alleine klar!“
Er schob es leicht an, das
Eichhörnchen blickte zu
Haelwyn auf, ob Dankbarkeit, Furcht oder etwas anderes darin war,
konnte er
nicht erkennen und dann sprang es schliesslich zögernd davon.
Haelwyn
fröstelte, Gänsehaut wogte wie Gezeiten über seine Arme
und er kauerte sich zu
einer Kugel zusammen, damit er der plötzlichen Kälte Herr
werden konnte.
Das Rascheln verstummte.
Dann stürzte etwas ins Laub neben
ihm. Haelwyn sprang
sofort auf, als er jedoch die schwache und undeutliche Stimme
hörte, beugte er
sich wieder langsam nieder.
>Die
Verdorbenen, die Verdorbenen haben sich erhoben, sie...<
„Arca? Freund Arca?“
Er konnte es nicht glauben, die Stimme,
das Aussehen,
war er es tatsächlich? Wenn er es war, so erkannte dieser Haelwyn
nicht.
>Die Zeit
ist da, unsere Welt wird sterben...<
„Arca, ich bin es, Haelwyn!“
>Haelwyn?<
Mühsam erhob sich der Vogel um
Haelwyn anzusehen. Er
breitete die Schwingen aus, schien aber zu schwach zum Fliegen zu sein,
da er
sie wieder einklappte und unsicher zu dem Jungen hüpfte. Seine
Stimme klang
belegt und geschwächt.
>Dich...dich
suche ich...< er zögerte und
sah sich um,
>Wo ist
Myannah?<
„Sie ist einen halben Tagesmarsch vor dem
Wald –
Arca, die Erde atmet wieder!“
>Es ist
fauliger Atem! Das müßte sogar ein Narr und Einfaltspinsel
wie du spüren!<
Er blickte Haelwyn mit seinen trüben
Augen zornig an,
>Was ist?
Soll ich hier auf dem Boden sitzen bleiben? Nimm mich hoch!<
Zögernd gehorchte er. Die
mürrische Art des Raben war
ihm zwar bekannt, aber so scharf hatte er noch nie mit ihm gesprochen.
Dieser
schien seinen Ton aber schon wieder zu bereuen, er stieg behutsam auf
Haelwyns
Arm und sah ihn versöhnlich an.
>Verzeih
mir Haelwyn, die Zeiten sind schwer. Immer wollte ich euch von den
dunkelsten
meiner Prophezeiungen fernhalten – sie sind unabwendbar, gewiss, aber
der
Zeitpunkt steht nicht fest – es hätte auch erst in hundert
Generationen
geschehen können..< Er
krallte sich an
Haelwyns Arm fest und hielt nur mit Mühe sein Gleichgewicht,
>Es tut mir
so leid Haelwyn, aber sie hat sich erfüllt...hier und jetzt.<
Haelwyn wagte es kaum auszusprechen, wenn
Arca es
sagte, hatte es Gewissheit. Er schluckte hart, aber der Kloß in
seinem Hals
blieb, verwandelte seine Stimme in ein heiseres Krächzen,
„Dunkler Schatten von Jenseits der Zeit –
verpester
der Luft und Vergifter der Erde....“
>...Blender
der Augen und Mörder der Seele. Ich fürchte ja.<
Haelwyns Knie gaben nach und er sank auf
den Boden. Sie
sind da. Myannah wusste es. Die dunklen Wanderer sind gekommen um
unsere Welt
zu verschlingen.
Er schwieg, ebenso der Rabe. Doch er
wollte es nicht
wahrhaben, es durfte nicht sein, Arca täuschte sich! Er war doch
schon alt und
halbblind, er hat sich geirrt, sicher. Myannah hatte die Erde atmen
hören, sie
war bei dem Leben gewesen – hat es gesehen! Es durfte nicht war sein,
durfte
nicht...
>Ich weiß
was du denkst, alter Freund und ich wünschte das es so wäre.
Der Atem der Erde
ist kalt, das können alle spüren, auch du. Das Lebewesen das
daraus hervorgeht
wird eine Totgeburt sein. <
Es war dunkel, aber dennoch sah Haelwyn,
wie schwach
der Vogel geworden war. Sein einstmals pechschwarzes Federkleid war mit
grauen
Schlieren überzogen und um seinen Schnabel stand der sonst weiche
Flaum borstig
und hart ab wie Stechkraut. Seine Worte schienen ihm von mal zu mal
mühsamer
aus der Kehle zu dringen, und er wankte auf Haelwyns Arm hin und her,
als könne
er sich nicht mehr lange auf den Beinen halten.
„Dann werde ich zu Myannah gehen!“,
Haelwyn sprang
auf, doch Arca war noch nicht fertig.
>Es gibt
noch einen weiteren Grund warum ich dich aufsuchte...<
Der Rabe starrte Haelwyn so hoffnungslos
an, daß ihm
beinahe der Mut fehlte nach diesem Grund zu fragen. Er räusperte
sich und es
war nicht nur der bittere Geschmack, der ihm in der Kehle steckte.
„Welcher Grund...“
>Myannah
ist die Mutter der Welt, sie spürt das ungeborene Leben in der
Erde, aber ihre
Zeit ist vorüber. Kein Leben wird je wieder in dieser Erde
heranwachsen. Aber
du mein Freund bist der Sprecher der Welt, du kannst Leben spüren,
sehen wo
immer es ist – du verstehst jedes Lebewesen und jedes Lebewesen
versteht
dich.<
Haelwyn schwieg. Er konnte die
unerträgliche Bürde
schon spüren, bevor sie ihn niederdrückte,
„Was immer du sagst - ich werde zu Myanna
gehen,
ich...“
>Es geht
hier nicht um dich! Auch nicht um mich oder Myannah!<
Die Federn des Raben sträubten sich
vor Verzweiflung
und Wut, doch Haelwyn wendete sich von ihm ab, wollte ihm nicht
zuhören.
Beinahe war er versucht den Vogel von seinem Arm zu schleudern, als er
einfach
weiterredete,
„Nein, Niemals, das kannst du nicht...“
>HÖR MIR
ZU! Eure Gemeinsame Zeit ist vorbei! Auch du wirst nicht mehr lange
existieren.
Daher bitte ich dich - nein!
Es ist deine Pflicht, alles Mögliche zu tun
um den Schwarzen Schatten zu entkräften! Die Wanderer sind da!<
Der Rabe schwieg eine Weile, knickte mit
einem Bein
ein und wäre beinahe von Haelwyns Arm gefallen. Die
Erschöpfung überrollte ihn,
so daß er einige Minuten ruhte und selbst dann nur noch
flüstern konnte,
>Sie
werden wie ein Unwetter über die Welt
fallen, sie vergiften jede Pflanze mit ihrem schwarzen Atem, daß
diese stumm
und taub vor sich hin existieren müssen, auf ewig ungehört.
Sie leben nur noch
um neues Leben auf die Welt zu bringen. Die Tiere können nicht
mehr verstanden
werden, von den Menschen schon gar nicht. Alle Lebewesen taumeln durch
die
Welt, geblendet vom Odem der Wanderer, sie leiden von ihrem ersten
Atemzug bis
zum letzten unter der Undurchsichtigkeit ihres Lebens, einzig beseelt
von dem
ungreifbaren Verlangen nach Sinn und Eindeutigkeit. Damit aber nicht
genug. Sie
tragen das schwarze Herz der Wanderer in sich, haben den Drang zum
Bösen und
Hinterhältigen; diejenigen, die
diesem
Drang nicht nachgeben, werden unter denen Leiden die vollends Kinder
der
dunklen Wanderer geworden sind. Diese Welt wie sie hier ist, wird nie
existiert
haben, einzig als schwache Fantasie durch die Träume der Menschen
stolpern,
kränklich, blass und farblos.<
Haelwyn konnte dem Blick des Raben nicht
mehr
standhalten. Er drehte sich von ihm weg, biss die Zähne zusammen
und schüttelte
den Kopf, während sich vereinzelte Tränen über seine
Wangen stahlen.
>Und deine
Aufgabe ist nicht bei Myannah...<
Arcas Worte versickerten in Haelwyns Geist
wie
Moorleichen, keinen Gedanken vermochte er zuende zu denken und der
bittere Wind
schien seinen Schmerz mit toter Hand zu unterzeichnen.
„Ich muß zu Myannah.“ gehetzt stand
er auf, blickte
von der einen Richtung in die andere als suchte er nach dem Ausweg, den
es
nicht gab, doch Arca sah ihn so flehentlich und voller Qual an,
daß er weinend
wieder auf die Knie fiel.
Der Rabe röchelte nur noch und
Haelwyn mußte ihn
festhalten, damit er nicht von seinem Arm fiel. Vorsichtig und zitternd
legte
er den Vogel auf ein weiches Mooskissen unter dem efeubewachsenen
Felsen.
>Die Augen
der Welt schliessen sich...und ebenso wie ihr Licht erstickt, endet
mein
Leben...nur noch kurz...Haelwyn..so kurz<
Arcas Stimme verlosch und Haelwyn
mußte sich über ihn
beugen um ihn verstehen zu können. Er rang um jedes Wort wie ein
Ertrinkender
nach Luft und Haelwyn wagte es nicht ihn zu unterbrechen, wenn er ihm
auch nur
unter Schluchzen zuhören konnte.
>Versprich
mir eins, Haelwyn... Sprecher der Erde...warne die Menschen! Die
dunklen
Wanderer werden dieser Welt... alles Gewohnte entreissen... alles
Gute... gewiss.
Aber euch Menschen... wollen... sie vor allem zu ihrem Werkzeug machen.
Es ist
ein Unterschied ob sie euch gewaltsam... nehmen... oder... ob... ihr
freiwillig
zu... ihnen kommt! Vergesst in euren letzten Augenblicken niemals
wer... wer
ihr seid. Sie werden... eure... eure Seele in ihrer dunklen Welt
verwirren
können... sogar lenken – niemals aber... werden sie... w-werden
Sie sie völlig
zerstören können - wenn du den Menschen sagst, wer sie
sind.... was ihr
Ursprung ist....
Kämpfe,
Haelwyn...erinnere die Welt an das was sie wirklich ist... Du...mein
Freund...bist..ihre einzige...Hoffnung........<
Der Atem des Vogels wurde langsamer,
flacher bis sich
sein Brustkorb nicht mehr heben wollte. Bevor Haelwyn irgendetwas
erwiedern
konnte, rührte er sich nicht mehr. Er nahm den Vogel behutsam
hoch, strich ihm
über das graue Federkleid und den abkühlenden Körper
darunter, weigerte sich
aber, das Offensichtliche zu akzeptieren.
„Arca, Freund...lass mich nicht einfach so
zurück...was...was soll ich denn tun?“
Tränen benetzten den Vogel, als er
ihn wie ein Kind
in seinen Armen wiegte, dieser aber blieb stumm.
Der verdorbene Wind war stärker
geworden als Haelwyn
sich endlich aufrappelte. Er schien sich ihm auf die Augen, die Ohren
und
seinen Geist zu legen, er wußte nicht in welche Richtung er ging,
geschweige
denn in welche Richtung er gehen mußte. Er wußte ja
nichteinmal was er tun
sollte.
Wenn ihm ein Tier über den Weg lief,
konnte er es
kaum verstehen, auch die Büsche raschelten nur sinnlos daher. Er
versank in dem
Wald wie in einem Fiebertraum, schien keinen Ort mehr zu erkennen und
sah nur
Fremdes, das ihn blind und stumm anzustarren schien. Er glaubte beinahe
nicht
mehr daran, je einen Ausweg zu finden aber endlich erreichte er mit
schmerzenden Beinen den Waldrand. Erst als er erste Sonnenstrahlen
blutrot
durch den blassen Himmel stossen sah, wußte er wie lange er
unterwegs gewesen
war. Wo er sich befand wußte er nicht.
Die Wiese vor ihm sprach nicht zu ihm und
der sich
erhellende Horizont war durchsetzt von schwarzen Nebelschwaden. Nur ein
kleines
Grünhaus äugte vom Ende der Wiese zu Haelwyn herüber.
Noch ehe er sich fragen
konnte, wer dort wohl wohnte, sah er den Pfad. Vom Horizont her
wälzte sich ein
Band aus verwelkendem Gras auf das Grünhaus zu, langsam und
kränklich wie ein
sterbender Wurm. Haelwyn wußte nicht ob jemand in dem Haus war.
Er wollte nicht
dorthin, er wollte zu Myannah! Was sich auch immer da auf die
Hütte zubewegte,
sie würde in der selben Gefahr schweben! Aber er wußte nicht
wo sie war, wie er
sie finden konnte... er blieb stehen. Seine Beine schwankten und
drängten ihn
weg von der Hütte, weg vom Wald. Irgendwo jenseits dieser Wiese
mußte sie sein!
Er konnte sie finden, wenn er sich nur beeilte, wenn er sich nur
anstrengte.
Fast war er soweit, beinahe wäre er losgerannt, aber die Bitte des
Raben
richtete sich wie ein brennendes Schwert gegen seine Brust.
Warne die
Menschen Haelwyn... es geht nicht um dich...
Haelwyn wurde schwindlig, er konnte das
Unsichtbare
spüren, wie es über das Gras auf die Hütte zuwandelte
und ihm Schritt für
Schritt das Leben aus den Halmen presste. Er
nahm alle Kraft zusammen, die ihn noch verblieben war,
er mußte sich
zusammenreissen...
Es geht nicht
um dich...
Von seinem Versprechen vorangepeitscht
ging er auf
die Hütte zu, jeder Schritt schien Myannah in weitere Ferne zu
drängen.
Trotzdem mußte er die Hütte vor dem verwelkenden Pfad erreichen. Ob die schneidende Kälte
von Außen oder seinem
Inneren kam wußte er nicht zu sagen. Er hielt sich seine Weste
vor den Mund um
den bitteren Geschmack der Luft besser zu ertragen, dieser war aber
schon
ebenso verdorben wie sein Schicksal. Und genauso unabwendbar.
Myannah erwachte und glaubte erfrieren zu
müssen. Sie
war eingehüllt von dem Gras um sie herum und der Baum
schützte sie vor dem
eisigen Wind, aber die Kälte durchkroch sie wie gefrorenes Blut.
Sie war in der
Erde gewesen und hatte versucht das Leben zu erwecken seit Haelwyn
aufgebrochen
war. Aber je eindringlicher sie nach ihm rief, desto tiefer versank es
in der Erde,
desto schwächer wurde sein Rufen. Immer wieder war sie aufgewacht
und jedesmal
war es kälter, bitterer um sie herum geworden. Auch die Erde bot
ihr keinen
Schutz mehr, sie war durchzogen von den gleichen verdorbenen Schlieren
wie die
Luft und sie mußte nach immer kürzerer Zeit in ihren
Körper zurückkehren, wo
sie ebenfalls nur Kälte erwartete.
Als sie sich ein wenig erholt hatte, sah
sie auf und
erkannte das die Sterne schon verblassten und den Morgen
ankündigten. Und sie
sah den schwarzen Nebel, der von dort auf sie zukroch, unaufhaltsam,
dicht und
erschreckend. Bebend umschlang sie ihre Knie und ihre Zähne
schlugen vor Kälte
aufeinander. Der Baum beugte sich über sie, aber seine
Blätter waren schlaff
und raschelten nicht mehr. Sie dachte an Haelwyn, sah beinahe wie sein
einst
federnder Gang vor Kummer niedergedrückt wurde und sein
Lächeln auf immer
erloschen war. Das darf nicht sein,
schärfte sie sich ein, ich werde das Leben retten, ich
werde es in diese
Welt holen und die Prophezeiung verspotten, trauernd bin ich niemandem
eine
Hilfe!
Trotz der Kälte kehrte sie
zurück in die Erde,
stolperte beinahe blind hindurch und glaubte schon den schwachen Ruf
nie mehr
zu vernehmen, als er fast unhörbar aus dem vergifteten Schweigen
emporbrach.
Sie wickelte sich darum und ließ all
die
Hoffnung die
sie noch verspürte hineinfliessen. Sie konnte fühlen wie es
erstarkte, wie es
sich gegen die kalten Finger wehrte, die sich durch die Erde schlichen.
Es
wuchs, das unsichtbare, kleine Ding, labte sich schüchtern an der
letzten
Kraft, die Myanna aufbringen konnte, derweil die Welt um sie herum
verschwamm.
So süß keimte die Hoffnung in ihr auf, als das Leben sich
regte und begann
Gestalt anzunehmen,
Ich werde es
schaffen, ich werde es retten,
Der Mut gab ihr mehr Kraft als sie
hätte haben dürfen
- sie sah Haelwyns Gesicht, sein überglückliches Gesicht, wie
er sie mit Küssen
überhäufte und umarmte, sah ihn, wie er mit leuchtenden Augen
ihren Arm nehmen
würde um ihr all die Geheimnisse zu zeigen, die sie noch nicht
kannte. Sie roch
die Luft, rein und voller Leben, erfüllt von Stimmen und
Wärme, wenn das kleine
Leben nur den letzten, kleinen Schritt schaffte – sie konnte es fast
schon
sehen, erahnte seine Gestalt...bis eine schwarze Faust in die Erde fuhr
und mit
einem einzigen Hieb das Leben aus dem sich kaum wehrenden Ding
quetschte.
Myannahs Körper bäumte sich auf,
als ihr Geist
hineinjagte. Sie öffnete die Augen, sah nur schwarz und die
verpestete Luft ließ sie sofort husten. Die Stimme bohrte sich
wie ein Eiszapfen in
ihren Schädel,
kalt, scharf und klar verständlich. Sie sah noch, daß sich
eine verschwommene
Gestalt auf sie zuwälzte.
>Wir< ,zischte sie, >sind die
Mörder der Welt.<
Die Büsche hatten ihre Arme
miteinander verwoben und
eine Öffnung freigelassen, die von hellgrünen, stachligen
Ranken verdeckt
wurde. Haelwyn trat vorsichtig auf das verwelkte Gras davor und sackte
auf die
Knie als er auf einen Ast stieg, der mit dicken Dornen bewehrt war.
Er sprach ihn nicht an. Er würde
Haelwyn nicht
antworten, ihn wahrscheinlich nichteinmal verstehen.
Haelwyn ging weiter. Als er sich den Kopf
an der
Türöffnung des Grünhauses sties, wurde ihm erst klar,
wie sehr er mit der Natur
verbunden gewesen war, wie sehr er mit ihr kommuniziert hatte. Er ging
voran,
fühlte sich wie in einem Leichenhaus. Die Räume, welche die
Äste einstmals
liebevoll gewoben hatten, waren allesamt stumm und weigerten sich Licht
von
Außen hereindringen zu lassen. Schemel und Sitzmulden aus
Immergrün wechselten
sich ab mit Betten aus Frühlingsgras und ehemals duftenden
Mooskissen.
Heckenrosen, Sanddorn, und Hagebutten schlängelten sich als
Wandschmuck durch
die verschlungenen Wände, aber alle starrten ihn nur an und
schwiegen in der
Dunkelheit, die sie sich selbst geschaffen hatten.
Dann fand er den Mann.
Er saß in dem größten
Raum und vereinzelte Ranken mit
blauen Blüten hingen von der eng verflochtenen Decke auf ihn
herab. Der Mann
schien es jedoch nicht zu spüren. Seine Augen hatten einen
fiebrigen Glanz und
huschten in dem Zimmer umher als betrachte er ein Schauspiel, daß
nur er sehen
könne. Seine fleischigen Wangen sahen unappetitlich aus, wie sie
so wabbelten
und Haelwyn konnte sehen, wie er sich ständig seine blauen Lippen
leckte. So
einen Ausdruck hatte er noch nie bei einem Menschen gesehen.
Vorsichtig ging er auf ihn zu. Ohne
Zweifel stimmte
hier etwas nicht. Er hatte die Hütte ganz knapp vor dem welkenden
Pfad erreicht
– Viel Zeit würde er nicht haben, bevor dieser ebenfalls das
Grünhaus erreicht
hätte. Langsam und ängstlich tappte er auf den Mann zu, sein
Gezappel und
Gestotter behagte ihm nicht.
„Freund!“,
Haelwyns
Stimme war leise und schüchtern,
„Freund! Ich...ich...
Erkenne wer du bist! Lasse dich nicht verführen...“
Er kam sich töricht vor, töricht
und hilflos als er
die Phrasen seines gestorbenen Freundes nachplapperte, aber er
wußte nicht was
er sonst hätte tun sollen....
Der fette Mann beachtete ihn nicht, schien
ihn
nichteinmal zu sehen, als er sich erhob und auf die Wand des Raumes
zuging.
Seine Arme fischten in der Luft umher, als müße er darin
etwas fangen. Haelwyn
zwang sich trotz der Furcht die er spürte auf den Mann zuzugehen.
Je näher er
ihm kam, desto mehr ekelte er sich vor ihm, aber er war zu weit
gegangen um nun
klein bei zu geben. Außerdem näherte sich das Unsichtbare
Ding, welches das
Gras zum verwelken brachte. Nun konnte es wirklich nicht mehr weit
sein...
„Freund! Hör mir zu! Das ist...“
Er zuckte zurück, als er seinen Arm
berührte. Trotz
der Kälte um sie herum brannte der Mann förmlich und war von
übelriechendem,
klebrigen Schweiß bedeckt. Jetzt jedoch bemerkte er Haelwyn
wenigstens. Der
Dicke fuhr herum und in seinen Augen glühte ein Ausdruck, der
Haelwyn sofort
rückwärts zur Tür taumeln ließ. Bevor er sie aber
erreichen konnte, stolperte
er und stieß sich den Kopf an einem harten Weidenast.
Während er sich noch
hochkämpfte, bückte sich der Mann und griff nach einem
hässlichen, toten
Wurzelstück das er grimmig umklammerte. Er schlich auf Haelwyn zu,
blieb aber
kurz vor ihm stehen. Seine Fäuste erschlafften und das kantige
Ding fiel zurück
in den Staub. Er drehte sich zurück zur Wand und fing wieder an zu
plappern,
stellte Fragen und wartete nickend ab als ob ihm tatsächlich
jemand zuhörte.
Haelwyn gab nicht auf, brüllte hustend auf ihn ein, während
die Luft immer
unerträglicher wurde,
„Ich sagte hör
mir zu!“
Keine Reaktion, nur Geplapper,
„Ich werde eine Stadt unter mir haben sagt ihr? Orte in denen
sich Menschen versammeln wie
es die Bäume im Wald tun? Und sie werden machen was ich ihnen sage? Ich verstehe nicht, warum
sollten sie das
tun? Erzählt mir mehr, jaja, erzählt mir mehr, bitte, jajaja!“
Ein eisiger Wind durchfuhr die Wand vor
der der Dicke
stand und schnürte Haelwyn den Atem ab. Ihm folgte ein dünner
Arm aus schwarzem
Nebel der das dichte Astwerk durchdrang als wäre es nicht da. Der
fette Mann
leckte sich einmal mehr die Lippen als er es in diesem Arm gelb
glänzen sah –
grell und unheilvoll. Seine wässrigen Augen schienen ihm aus den
Höhlen fallen
zu wollen und sein Doppelkinn vibrierte wie im Fieber, als er die Hand
danach
ausstreckte,
„Gold sagt
ihr? Welch ungewohntes, welch herrliches Wort
jaja! Wie es glänzt jaja, jaja...“
„Nein!“
Haelwyns Stimme überschlug sich, als
er sah wie der
Mann nach dem Trugbild griff, doch er hörte nicht auf ihn,
verstand ihn wahrscheinlich nicht einmal,.
Es war
umsonst, alles umsonst...
Doch er gab nicht auf, die Verzweiflung
trieb ihn
weiter voran, immer weiter. Er griff nach dem Wurzelstück,
daß der Fette
fallengelassen hatte und schleuderte es auf ihn, doch noch immer drehte
er sich
nicht um. Bevor Haelwyn irgendetwas anderes unternehmen konnte, hatte
die
fleischige Hand des Mannes den Nebelarm berührt,
„Gold, Macht, jaja, ich bin der König
der Welt, jaja,
jaja....“,
Das waren die letzten Worte, die er von
ihm hörte.
Der Nebel kroch ihm in Nase, Mund und
Ohren, der
Fette stürzte zu Boden und trat um sich während sich seine
Finger in die
staubige Erde krallten. Plötzlich erschlaffte er. Und dann stand
er auf.
Der Blick den er Haelwyn nun
entgegenschickte hatte
nichts menschliches mehr. Ebensowenig wie seine Stimme.
>Nicht
König...<, zischte sie,
>Wir sind
die Mörder der Welt<
Myannah kauerte weiterhin auf dem Boden
und zitterte
vor Kälte. Sie versuchte nichts zu hören, nichts zu sehen,
nichts zu fühlen,
aber die Worte der Schwarzen Gestalt explodierten dumpf hinter ihrer
Stirn.
Dennoch ließ sie diese Worte nicht an sich heran, zwang sich dazu
ihren
Sinn
nicht zu verstehen.
Es sind nur
Worte. Nur Worte, die blenden sollen....
Die Luft um sie herum war schwarz wie die
Nacht,
nichteinmal den Baum konnte sie erkennen, den guten, freundlichen
Apfelbaum.
Nur dieses Scheusal thronte über ihr, ein Schatten, nein, ein
blinder Fleck,
der grob die Form eines Menschen hatte, obwohl er größer und
viel dünner war.
Kein Licht durchdrang ihn, alles Dunkle schien aus ihm zu quellen und
sein Atem
bestand nur aus Bitterkeit und Kälte. Er durchbohrte sie mit
seinen grellweißen
Augen. Die Stimme in Myannahs Kopf wurden lauter, drängender, in
der einen
Sekunde lockte sie in aller Süße dieser Welt, nur um im
nächsten Augenblick
Drohungen von Trauer, Tod und Untergang auszuspeien.
Myannah versuchte den Schwarzen nicht
anzublicken,
hörte seinen Worten noch immer nicht zu, doch sie spürte wie
seine Wut wuchs
und eiskalt aus ihm heraussickerte. Ihre Lungen schienen sich mit totem
Wasser
zu füllen, als er sich zu ihr niederbeugte. So sehr sie auch nach
Atem rang,
spürte sie nur bitteren Geschmack im Hals, Luft bekam sie keine.
>Lästiges,
taubes Geschöpf!<
Myannah krallte sich in den Baumstamm,
spürte wie
ihre Fingernägel nachgaben, aber sie würde nicht
zuhören. Blender der
Augen, Mörder der Seele – lieber ersticke ich als mein Schicksal
in die Hände
dieses Scheusals zu legen.
Der Schatten war ganz nahe vor ihrem
Gesicht, seine
Kälte ließ ihre Füße und Arme sofort taub werden.
Ihre
Lungen schrien nach
Luft, doch alle Versuche zu atmen waren vergeblich. Der Schwarze
starrte sie
aus den zwei grellen Schlitzen an, die sich ständig wandelten. Sie
wurden
heller und dunkler, wobei Blitze von aggressiver Farbe
darüberhuschten.
Sterne zerplatzten vor ihren Augen, aber
sie hielt
dem Blick des Ungeheuers stand. Er war der Mörder des neuen
Lebens, er hatte
den letzten Atem der Erde erstickt, vor ihm würde sie niemals
winseln. Dessen
Wut steigerte sich indes spürbar, legte sich wie eine
zusätzliche Klaue um ihre
Kehle. Seine Augen funkelten heller, wilder und dann plötzlich
zerplatzte diese
Helligkeit, begann sie zu umgeben während der Baum und der Nebel
um sie herum
verblasste. Die Kälte wich wärmerer Luft und der bittere
Pfropfen in ihrer
Kehle hatte sich aufgelöst. Gierig atmend stützte sie sich am
Boden ab. Dann ließ sie ihren Blick schweifen, sah verflochtene
Wände und
düstere Zimmer eines
Buschhauses.
Trotz ihrer Verunsicherung stand sie auf
und tastete
sich durch die dunstige Luft. Sie mochte etwas an den Räumen
nicht, aber ehe
ihr klar wurde, was es war, sah sie ihn schon in einem Durchgang
stehen. Sie
eilte auf ihn zu, wollte Haelwyn an der Schulter berühren, aber
dann sah sie
den Fetten Mann. Er streckte seine Hände aus und seine Finger
bohrten sich in
den Hals des Jungen. Als sich der Schock von Haelwyn löste, wehrte
er sich
verzweifelt. Er sackte auf die Knie, aber der Fette Mann drückte
zu als wolle
er einen Stein zerquetschen. Die Befreiungsversuche des Jungen schien
er
nichteinmal zu spüren.. Myannah war ausser sich vor Entsetzen,
blickte sich um
und fand ein Wurzelstück am Boden. Es war zersplittert und hatte
scharfe
Kanten, sie stürzte sich in den Staub um danach zu greifen – aber
ihre Finger
griffen ins Nichts. Sie konnte Haelwyn sterben hören, versuchte es
nocheinmal
-.vergeblich. Trotzdem stürmte sie auf den fetten Mann zu. Das
Röcheln des
Jungen erfüllte den düsteren Raum, und sie versuchte die
Hände des Mannes
aufzubiegen. Haelwyn war schon dunkelviolett angelaufen, aber auch hier
griff
sie einfach ins Leere. Der Junge strampelte wie ein Ertrinkender und
Myannah
schluchzte vor Verzweiflung. Durch ihre Tränen konnte sie fast
nichts mehr erkennen,
aber trotzdem sah sie wie sich der fette Mann vor Lachen
schüttelte. Dann
wurden die Räume dunkler und Myannah kauerte wieder unter dem
starren
Apfelbaum.
Haelwyn stolperte aus den Buschhütte
heraus und hielt
sich sein schmerzendes Handgelenk. Er hatte noch nie jemanden
geschlagen, aber
der fette Mann hätte ihm sonst seine Klauen um den Hals gelegt und
er wußte
nicht, ob er dem entkommen wäre.
Draußen war die Luft undurchsichtig
von dem schwarzen
Nebel, aber wie Fieber brannte das Verlangen in ihm Myannah zu finden,
wenn
auch nur um ihr ein letztes mal in die grauen Augen zu sehen.
Er hatte versagt, war machtlos gegen die
dunklen
Wanderer. Arcas Hoffnung war umsonst gewesen. Tränen rollten ihm
über die
Wangen, aber er konnte ohnehin nichts sehen, stolperte von einer
Richtung in
die andere und hatte bald völlig die Orientierung verloren.
Er gab nicht auf, taumelte, fiel, rappelte
sich
wieder hoch, irrte umher und fand sich schliesslich wieder von
schweigendem
Wald umschlossen. Umdrehen, weiter, er mußte aufpassen nicht
gegen die
Baumstämme zu rennen, die wie Mauern aus dem undurchsichtigen
Nichts
hervorschnellten. Sein Körper schüttelte sich in der
Kälte und seine Lunge
quälte sich in der schlechten Luft, aber Haelwyn rannte mit der
Kraft eines
Totgeweihten weiter, weiter und weiter. Er würde das so lange tun,
bis er
entweder Myannah oder den Tod gefunden hatte.
Er wischte sich über die Augen,
für einen kurzen
Moment schien sich die Schwärze gelichtet zu haben, aber das war
sicher nur ein
Trugbild seiner Hoffnung. Ehe er diesen Gedanken zuende gedacht hatte,
wehte
ihm eine Bö warmer Luft entgegen. Wieder schien sich der Dunst ein
wenig zu
lichten und trotz seines Argwohns blieb Haelwyn stehen. Der warme Wind
schwoll
so plötzlich an, daß der Junge sich erschrocken abwandte.
Als er seinen Blick
wieder hob, sah er, daß der Wind eine Bresche in das schwarze
Nichts schnitt,
das ihn umgab. Er blies den bitteren Nebel fort und Haelwyn erkannte
das ihn
diese Bresche aus dem Wald herausführen würde. Rechts und
Links von ihm erhob
sich der dunkle Dunst wie lebendige Friedhofsmauern bis in den Himmel.
Er wogte
wie ein sturmgepeitschtes Meer und schien voller Grimm wieder in die
Lücke
schwappen zu wollen, die der warme Wind geschaffen hatte, löste
sich in der
sauberen Luft aber sofort in Nichts auf. Haelwyn stand da wie vom
Donner
gerührt, er glaubte zu wissen, wohin ihn dieser Pfad führen
würde. Der warme
Wind atmete ihm in den Nacken als wolle er ihn ermutigen und so rannte
Haelwyn über den moosigen Waldboden
hinaus auf die Wiese, ließ die dicht gewachsenen Bäume
hinter sich
und trank
sich an der Euphorie satt, die in ihm aufloderte.
Myannah traute der plötzlichen
Wärme nicht. Wenn es
nun wieder ein Trugbild der dunklen Wanderer war? Es würde jedoch
keine Rolle
spielen, Haelwyn war tot und selbst das Rascheln des Apfelbaums klang
seltsam
leblos in der warmen Brise. Sie weinte nicht mehr, hatte schon alle
Tränen
vergossen, für Haelwyn, für sich
selbst
und für diese Welt. Jetzt, da alles vorbei zu sein schien
spürte sie die
Erschöpfung wie Grabeserde auf sich lasten. Ihr Körper war
erschlafft und ihr
Geist auch, jeden Gedanken, den sie zu fassen versuchte endete
unweigerlich im
Nichts. Sie sah eine Bewegung am Horizont, aber obwohl sie erkannte,
daß sich
da etwas rasch auf sie zubewegte, fühlte sie noch immer keine
Angst. Sie fühlte
gar nichts.
Es wurde rasch größer. Einen
Augenblick glaubte sie
etwas vertrautes daran zu erkennen....
Nein, das war unmöglich. Was für
ein dummes, naives
Mädchen sie doch war. Dennoch verfestigte sich ihr Eindruck von
Augenblick zu
Augenblick, der federnde Gang...sah sie einen hellbraunen Haarschopf?
Wider
alle Vernunft erhoben sich ihre begrabenen Hoffnungen wieder und
brannten so
sehnsuchtsvoll als wären sie nie gestorben. Tatsächlich
glaubte sie schon seine
hellgrünen Augen funkeln zu sehen, sah das Lächeln und die
Grübchen in seinen
Wangen... ohne jeden Zweifel, er mußte es sein! Sie sprang auf,
ihre Glieder
schmerzten, aber das spürte sie nicht mehr. Er flog auf sie zu,
aber trotzdem dehnte
sich sein Nähern wie eine Ewigkeit. Er wurde nur langsam
größer, immer wieder
glaubte Myannah einem Trugbild erlegen zu sein, aber ebensoschnell war
sie dann
wieder vom Gegenteil überzeugt. Schon hörte sie ihn ihren
Namen rufen und dann
endlich, endlich fiel er in ihre Arme. Er bedeckte sie mit Küssen
und sie
vergrub ihr Gesicht in seinem wilden Haar. Aber irgendetwas stimmte
nicht.
Haelwyns Füße setzten kaum auf
dem Boden auf, als er
den Windungen des Weges folgte. Der Nebel ragte noch immer drohend an
dessen
Rand auf, schien nach Haelwyn greifen zu wollen, doch er achtete nicht
auf ihn.
Er spürte keine Erschöpfung mehr, war berauscht von der
Gewissheit, die
Prophezeiung umgangen zu haben. Er verschwendete keinen Gedanken an die
Frage,
wer oder was sein Helfer sein mochte. Dazu war später wohl noch
genug Zeit.
Plötzlich sah er das Ende des Weges. Die Bresche endete und die
schwarze
Nebelmauer ragte vor ihm in die Höhe, aber das war Haelwyn egal.
Immerhin
konnte er den Apfelbaum sehen, der von dem warmen Wind ebenso
schützend umweht
wurde wie er selbst.
Er sah wie Myannah sich am Baum
abstützte um
aufzustehen, es schien fast so als spürte sie sein Kommen. Gleich,
dachte er, gleich wird
sie mich bemerken, mich
sehen. Der Weg verbreiterte sich
zusehends, die
schwarzen Mauern wurden immer weiter zurückgedrängt und der
bittere Geschmack
der Luft verflüchtigte sich zusammen mit ihrer Kälte.
Wenn Arca doch
hier wäre...
Haelwyn hatte nun fast den Baum erreicht,
doch
Myannah drehte ihm noch immer den Rücken zu. Zweifel begann an dem
Jungen zu
nagen, sie stand aufrecht da und schien nach etwas Ausschau zu halten.
Seine
Lungen pumpten schmerzhaft, als er versuchte seine Schritte noch weiter
zu
beschleunigen, aber plötzlich begann auch Myannah zu rennen – fort
von dem
Baum, fort von ihm, blindlings auf die sich zurückdrängende
Nebelmauer zu. Er
konnte nicht noch schneller werden, so sehr ihn die erwachende Angst
auch
anstachelte. Er begann sie einzuholen. Wenn er sie nur erwischte, bevor
sie
geradewegs in den schwarzen Nebel rannte... Er hörte sie etwas
rufen, einen
Augenblick glaubte er seinen Namen gehört zu haben, verwarf diesen
Gedanken
aber sofort wieder. Ihr rabenschwarzes Haar tanzte im Wind, er
mußte schneller
werden, sie einholen, bevor... die Mauer wuchs immer höher vor ihr
auf, jeder
Atemzug stach Haelwyn wie ein Messer in die Brust und mit jedem
weiteren Stich
wuchs die Gewissheit, daß sie von der Nebelwand verschluckt
werden würde, ehe
er sie erreichen konnte. Sie trennte nur noch wenige Schritte davon als
sie
ruckartig stehen blieb. Ein Nebelarm wuchs aus der Mauer, kroch auf
Myannah zu,
derweil sie anfing vor sich herzuplappern.
„Nein! NEIN!“
Sie drehte sich dem Nebelarm zu, Haelwyn
erkannte ihr
glückliches Gesicht, sah eine Freudenträne darin glitzern,
während sie sich
zärtlich auf den Nebelarm zubewegte.
„Das ist ein Trugbild, hier bin
ich...HIER!“
Sie hörte ihn nicht, war gefangen in
der Vision, die
ihr von den dunklen Wanderern in den Geist geschickt wurde. Er war nur
noch ein
paar Schritte von ihr entfernt als der Nebel in sie fuhr und sie
zuckend zu
Boden stürzte. Die Kraft verließ ihn und er sank in den
Staub des
Weges.
Arca hatte
Recht. Was für ein gutgläubiger Narr ich doch bin.
>Blender der Augen,
Mörder der Seele<, wie konnte ich nur glauben, daß der
warme Wind etwas
anderes ist als eine Falle der Wanderer....sie verspotten mich... es
ist ihre
Rache dafür, daß ich mich ihnen entgegenstellte......
Geblendet vom Schmerz nahm er nur noch am
Rande war,
wie sich die schwarzen Mauern um ihn schlossen und seine Welt zusammen
mit
seiner Vergangenheit einfach verschluckten.
Epilog
Manche Menschen spuckten nach ihm und
manche
versuchten ihn zu berühren. Das Gewicht auf seiner Schulter
drückte sich tief
in sein Fleisch, doch war es nichts gegen den Schmerz in seinem
Inneren. Seine
einstmals rundlichen und fröhlichen Wangen hingen schlaff und
ausgemergelt von
ihm herab, gelächelt hatte er schon lange nicht mehr. Der Gestank
von Kot und
Dreck stieg ihm in die Nase als er sich durch die
menschengesäumten Gassen
schleppte. Wo er hinsah, erkannte er entweder Lumpen oder Uniformen,
die auf
Hochglanz poliert waren. Er hatte sie lehren wollen wieder zu sehen,
die Welt
zu erkennen, sich selbst zu verstehen, aber er war gescheitert. Die
Erinnerung
an sein früheres Leben war dumpf und verwaschen, aber die
vollkommene Harmonie
der damaligen, der verlorenen Welt war ihm noch immer so klar, als
wäre er
dort. Er erinnerte sich an den Sinn in diesem Leben, den Sinn, der so
selbstverständlich war, wie die Luft zum atmen.
Er brach zusammen, ob von dem Gewicht auf
seinen
Schultern oder seinen Erinnerungen, wußte er nicht zu sagen. Nur
mühsam konnte
er sich aufrappeln und noch mühsamer wurde ihm jeder Schritt, der
ihn an den
spärlicher werdenden Menschen den Hügel hinaufführte. Er
wußte nicht, warum er
als einziger noch eine Erinnerung an die Welt vor dieser Welt hatte,
vielleicht
lag der Grund in den verblassenden Worten eines Freundes,
>Es ist ein
Unterschied, ob sie euch gewaltsam nehmen, oder ob ihr freiwillig zu
ihnen
kommt.<
Endlich hatte er den Hügel erklommen
und ihm wurde
das Gewicht von den Schultern genommen. Der fette Mann mit den blauen
Lippen
sties ihn beiseite während sich seine Soldaten um die Last
kümmerten, die sie
neben ihn in den Staub legten.
Ihn stierten unzählige Augenpaare an,
manche
hasserfüllt, manche traurig. Doch welches Feuer auch in ihnen
brannte, er
konnte die graue Patina aus Hilflosigkeit und verlorenem Sinn sehen,
die sich
darüber legte. Manche hatten versucht ihm zuzuhören und jedes
Wort aufgesaugt,
das er vor seiner Verurteilung gesprochen hatte. Ob sie seine Botschaft
wirklich verstanden hatten, wußte er nicht. Aber es gab eine
Chance, eine
kleine zwar, aber sie war da.
Die Soldaten des fetten Mannes kamen auf
ihn zu und
legten ihn auf das Ding, das er den Hügel hinaufgeschleppt hatte.
Er schloß die
Augen. Erst durchstach der Schmerz sein linkes Handgelenk, dann sein
rechtes,
bevor seine Füße an der Reihe waren. Sie zogen ihn nach oben
und sein eigenes
Gewicht zerrte an den Verletzungen, bis er fast die Besinnung verlor.
Der fette Mann mit den blauen Lippen stand
unter ihm.
Er war es, der ihn verurteilt hatte und der Triumph glitzerte in seinen
wässrigen Augen. Manche seiner Anhänger versuchten zu ihm ans
Kreuz zu
gelangen. Sie weinten und redeten auf den fetten Mann ein, doch dieser
ließ sie
verscheuchen wie Vieh. Er leckte sich über seine Lippen, badete in
seiner Macht
und wurde nicht müde seinen Namen über den Platz zu
plärren,
„Pontius Pilatus irrt sich nie! Falls es
noch jemand
wagen sollte mein Urteil anzuzweifeln, werden auch seine Knochen auf
Golgatha
verrotten!“
Er ignorierte das Gefasel des Fetten,
dachte
stattdessen an das Mädchen. Sie war den
Dunklen in die Arme gelaufen, sie, die immer die Vernünftige und
Tapfere
gewesen war. Nun war sie ebenfalls in der Hoffnungslosigkeit dieser
Welt
versunken. Er blickte hinab auf die weinenden Menschen zu seinen
Füßen. Sie
spüren es, dachte er, sie
spüren, daß es
einen richtigen Weg gibt, einen Weg, der die Dunklen wieder aus den
Herzen der
Welt vertreiben würde.
Das Licht um ihn herum wurde
schwächer und er
erkannte nur noch Schemen,
Sie werden die
Erde wieder zum atmen bringen und sie werden die Sprache der Welt neu
erlernen.
Sie werden ihre Bestimmung begreifen und alles Schlechte wird wieder in
den
Schleiern der Unendlichkeit verschwinden.
Sie
werden die dunklen Wanderer besiegen...bald werden sie vergessen
sein, ganz bestimmt....
Ende.
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