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Wie
Leichentücher zogen die Nebelschwaden an uns vorbei, undurchsichtig und
vergilbt, schwanger vom Gestank fauligen Wassers. Er bildete glitzernde
Perlen
in den stummen Gesichtern um mich herum, benetzte knochige und
zitternde
Leiber, fiebernde Augen und schwammige Haut.
Ich wußte nicht
wie
lange ich
schon hier war, Jahre, so schien es, vielleicht hat mich aber auch nur
die
Angst, das Fieber oder der Hunger um den Verstand gebracht. Alle
Erlebnisse
waren mir ein Nebel im Kopf, ich kannte keine konkreten Ereignisse,
schien
alles über diesen Ort zu wissen, konnte aber keine Reihenfolge in meine
Erinnerungen bringen. Die Gesichter um mich schienen mir bekannt zu
sein, aber
wer wußte das schon zu sagen – wir durften nicht sprechen, harrten
geduldig wie
die Lämmer auf den Schlachter, während uns die Angst beinahe wahnsinnig
machte.
Ich wußte nicht mehr, wie ich in diese Käfige gekommen bin, Herrgott,
ich wußte
nicht einmal mehr wie ich in diesen Krieg kam, erinnerte mich nur
schemenhaft
an die patriotischen Tiraden meines Bruders. Wie das Feuer in seinen
Augen
gebrannt hatte, Vater war schon lange Tod gewesen und Mutter sagte nie
etwas
dazu, aber er sah sich als den Botschafter des amerikanischen Traums.
Der
Kommunismus durfte sich nicht ausbreiten, sagte er stets, und flammend
hatte er
die Phrasen wiederholt, die uns Onkel Sam mit mahnendem Zeigefinger von
den
übergroßen Plakaten herab entgegen predigte. Nie hätte ich mich gegen
meinen
Bruder entgegenstellen können, es hätte ihm das Herz gebrochen, wenn
ich nicht
mit ihm gegangen wäre – all sein Glauben, sein Sinn und vielleicht
sogar sein
Schicksal, haftete an seinem Streben die Errungenschaften der
Gründungsväter
mit mir, seinem kleinen Bruder, zu verteidigen. Jetzt lag ich hier in
einem
Bambuskäfig und mein Bruder unter der Erde. Das Wasser stand uns bis zu
den
Knien und trotz der schwülen Hitze zitterten wir ob der Feuchtigkeit,
die uns
das Fleisch von den Knochen ziehen zu wollen schien. Unsere Kleidung
war
durchnässt, zerfetzt, starrend vor Dreck und beinahe nur noch von
Ungeziefer
zusammengehalten, zudem war es vollgesaugt mit dem stinkenden Wasser
des
Flusses, aber niemand wollte es ablegen. Wenn wir das täten, so hätten
wir all
das aufgegeben, woran wir einst geglaubt hatten, dann würde der letzte
Faden
reißen, wir würden zu dem Vieh, wie uns die Vietkong behandelten. Immer
wieder hörten wir die harten Stiefel
auf den Stegen um die Käfige patrouillieren und oft blieben sie in
unheilvoller
Nähe zu uns stehen. Befehle in gebrülltem, bellenden Ton zerrissen das
apathische Warten in jeder Sekunde, wir hörten das Wimmern anderer
Gefangener,
hörten flehende Stimmen, weinende Stimmen, manchmal aber auch
brüllende,
wütende Gegenwehr, die meist mit einem scharfen Knall verstummte.
Käfige wurden
geöffnet und Gefangene abgeführt – niemand wußte wohin er kam, manchmal
wurde
man nur woanders hingebracht. Manchmal wurde ein Trupp neuer Gefangener
gebracht, verhört und in unsere Käfige geworfen, wo sie stumm und
verstört
durch jeden Mitgefangenen hindurch starrten, kein Wort mehr sagten und
den
Geruch frischen Blutes und nackter Angst verströmten. Jetzt schien es
wieder so
weit zu sein. Die beständig knarrenden Schritte verstummten über uns,
ich sah
mich um, verhärmte Gesichter glotzten sich in schierer Todesangst um,
man sah
die Hoffnung, daß es ein anderer sein möge, daß man selbst noch
verschont
bliebe, die Kameradschaft war in dem urinverseuchten Wasser ertrunken,
als sich
die Tür öffnete. Niemand hob den Blick, jeder versuchte unsichtbar zu
werden,
eine Leiche zu sein, um das Interesse der unbekannten Peiniger nicht zu
wecken.
Mich packte eine Hand an den Haaren und riß meinen Kopf nach hinten,
ich
starrte in ein gelbes Gesicht vor mir, nein, ich starrte hindurch, sah
keine
Konturen und keine Züge, sie sahen alle gleich aus, sie waren Symbol
für unser
Grab. doch dieses hier wendete sich ab und packte einen anderen. Ein
gebrülltes
Wort und er deutete auf den mageren Jungen in der Ecke – er war
höchstens 19
ein Kind, nicht mehr. Dessen fiebrige Augen huschen hin und her,
hofften noch,
daß nicht er gemeint war, hilfesuchend klammerten sich seine Blicke an
uns
fest, die wir ihn nicht offen anzusehen wagten. Er begann zu wimmern
und zu
betteln bis ihm der Vietkong mit dem Gewehrkolben eine Handvoll Zähne
ausschlug
und an den Haaren aus dem Käfig zerrte. Niemand sah auf. Keiner wollte
den
Blick im Gesicht des Jungen sehen und keiner wollte dem Jungen seine
verschämte
Erleichterung zeigen, diesmal verschont worden zu sein.
Dann
saßen wir
wieder allein, vergruben dieses Erlebnis sofort wieder in den
unergründlichen
Kammern des Unbewußten, warteten auf das nächste mal.
Den
Jungen sahen
wir nie wieder – aber was hiess das schon, sein Gesicht war vergessen,
als es
aus dem Käfig war, Gesichter verschwammen, Individuen gab es nicht
mehr. Wir
wußten nie was mit den Abgeholten geschah, manche kamen vielleicht
zurück,
manche wurden vielleicht getötet, jedenfalls erfuhr man es nie. Die
Vietkong
demoralisierten uns wo sie nur konnten, liessen keinen Rhythmus, keine
Gewissheit aufkommen und manchmal standen sie über den Käfigen um die
Leichenteile toter Kameraden in das Wasser zu werfen. Diese tanzten
dann auf
der schmierigen Brühe bis sie verfault oder von den Fischen gefressen
worden
waren. Manche schwammen auch durch die Gitterstäbe hindurch an uns
vorbei – wir
mieden sie, als würden wir sofort krepieren, wenn wir sie berührten.
Dann
hatte es
mich erwischt, mitten in der Nacht. Namenlose Insekten stachen mich,
legten
ihre Eier unter meine Haut, als mich ein harter Tritt aus dem Schlaf
riss und
ich aus dem Käfig hinaus gezerrt wurde. Ein Begleiter des Soldaten
wartete oben
auf dem Steg. Ich konnte mich kaum auf den Beinen halten, der Soldat
schlug mir
ins Gesicht und schleifte mich hinterher, ich rappelte mich auf und
versuchte
taumelnd Schritt zu halten. Die Angst trieb mich an den Rand des
Irrsinns, war
mir das schon öfter passiert? ich erinnere mich an diese Kreuzgänge,
ich kannte
diese Angst und hatte Bilder im Kopf von Folter und den gebrochen
amerikanischen Satzfetzen, die mir ein vietnamesischer Offizier unter
Schlägen
ins Gesicht brüllte – vielleicht waren das auch nur die Ausgeburten
meiner
Phantasie, Wahnbilder gezeugt aus Fieber, Erschöpfung, Angst und
Hunger...ich
wußte es nicht...ich wußte es nicht. Die beiden Männer schleiften mich
über
mehrere Stege und durch unzählige Pfahlbauhütten hindurch – das Gelände
war so
riesig, ich konnte nichts wiedererkennen, wir sind so viele Winkel und
Abzweigungen gegangen, ich hätte nicht einmal mehr die Himmelsrichtung
sagen
können, von wo wir gestartet waren. Käfige standen im Wasser,
gesichtslose
Gefangene wendeten ihren Blick ab und die Sonne war hinter dem gelben
Dunstschleier nirgends auszumachen. Es war ein Labyrinth hier, riesig
groß,
verschlungen und unergründlich, Insekten zirpten und schwebten um einen
herum,
bissen und Stachen, manche so groß wie Bienen. Schilf stand
teilnahmslos im
Wasser und der Dschungel war ein schmutzig grünes Geschwür das von
überall her
seine Arme in das Gelände streckte um bösartig nach mir zu greifen.
Die
Vietkong
schleppten mich in eine weitere Holzhütte, sie war wie die anderen,
Holzvertäfelt und morsch. Als ich jedoch den Gang durchstolperte,
erregte etwas
ungewohntes meine Aufmerksamkeit. Es schien den ganzen Raum, die ganze
Szene zu
beherrschen, es war einfach da und lockte, versprach und flüsterte, als
ich
daran vorbei wankte – es war ein unscheinbarer Spalt in der Holzwand.
Niemand
schien ihn zu bemerken, er war eine Chance, eine Fluchtmöglichkeit, ich
bräuchte nur durch ihn hindurch zu springen, dann wäre ich woanders,
wer wußte
denn schon, wo ich hingebracht wurde? Aber wer wußte was sich hinter
dem Spalt
verbergen mochte? Eine Falle, eine tödliche Kugel, vielleicht aber auch
Sumpf,
ein feuchtes Grab in dem ich namenlos versinken würde? Was geschah,
wenn mich meine
Bewacher aufhalten konnten, wenn sie mich erwischten? Was geschah, wenn
mich
niemand erwischte, wenn ich von den Tiefen des Dschungels verschluckt
wurde?
Nein, ein Fluchtversuch bedeutete den Tod...dennoch... es säuselte mir
entgegen, welche weitere, bessere Chance auf Flucht würde man hier denn
schon
bekommen? Welche Chance hatte man ohnehin auf ein überleben? Welche
Chance war
ich gerade im Begriff zu verschenken? Aber ich konnte es nicht, mein
Wille war
gebrochen, mein Mut unterwandert, lieber klammerte ich mich an die
diffuse
Hoffnung, mein Leben verlängern zu können. Vielleicht sind es noch
Stunden,
vielleicht auch Tage, Wochen gar – es waren diese Gedanken, die meine
Aufmerksamkeit von dem Spalt wegrissen. Er schien mir traurig hinterher
zu gehen,
als mich die Vietkong durch eine Tür in eine stickige Bude schleppten,
die nach
Tod und faulenden Wunden roch. Sie öffneten eine Bambustür und traten
mich
hindurch, es war zu dunkel und ich konnte nur Schemen erkennen. Ich
stürzte auf
etwas warmes, weiches, es stank gotterbärmlich und ich spürte die
Insekten und
Würmer die darin nisteten, sich hin und her wanden, aufgebracht von
meiner
Störung. Es war irgendein verrottetes Grünzeug, das in der Zelle
aufgeschichtet
war und trotz seines ekelerregenden Zustandes fiel ich hinein und
versuchte
dem Zucken meiner ausgehungerten, überanstrengten Muskeln Herr zu
werden. Die
Soldaten verliessen den Raum und schlossen die Tür – nun waren Stille
und
absolute Dunkelheit meine Zellengenossen.
Es
war hier so
dunkel, daß die Augen nicht einmal Umrisse Wahrnehmen konnten, man
spürte die
Insekten auf sich herum kriechen, manche lang wie ein Daumen und
doppelt so
breit, während die Fühler neugierig nach einem tasteten wenn man sie
von sich
stossen wollte – es ist erstaunlich welch ekelhaften Bilder einem der
Verstand
zeichnet, wenn man sich nur auf das Fühlen und Hören verlassen muß.
Wieder
verschwamm die Zeit um mich herum, Tag und Nacht ließ sich nicht
unterscheiden,
es herrschte ständig die gleiche, warme und erstickend feuchte Luft, ob
es nun
Nacht oder Tag war. Die Wachen kamen unregelmäßig, manchmal brachten
sie
stinkendes Wasser, oder manchmal kamen sie nur um vor der Tür zu
stehen, auf
mich herabzustarren wie ich in dem vergammelten Kraut am Boden
zusammengesunken
war um dann wieder zu gehen. Manchmal bekam ich sogar etwas zu essen,
dann erst
spürte ich wieder wie meine Eingeweide nach Nahrung schrien und ich
schlang
herunter was sie mir gaben, geschmeckt hatte ich nie etwas.
In
den
ungreifbaren Augenblicken der Einsamkeit nahmen meine Gedanken Bilder
an in der
Dunkelheit, ich sah Verwundete, Tote und Verbrechen die meine eigenen
Kameraden
unter dem Banner patriotischer Gerechtigkeit verübt hatten, ich sah
Soldaten
sterben, in vielen, seltsamen Szenen, in denen sich die eine stets von
der
anderen unterschied. Nur die bittere Asche verloschenen Glaubens, die
ihre
sterbenden Augen überstäubte, war gleich. Ich wälzte mich hin und her,
wußte
nicht was wahr, was Phantasie war. Lag ich die ganze Zeit in der Zelle,
oder
wurde ich tatsächlich ab und zu hinausgeschleppt um verhört und
gefoltert zu
werden? Da waren aber noch andere Eindrücke, verstörende Eindrücke die
meine
Vergangenheit, aber nicht den Krieg betrafen, ich versuchte sie
niederzuringen,
aber immer wieder, immer häufiger suchten sie mich in meinen üblichen
Visionen
heim. Auch, ohne, daß ich sie genau benennen konnte lösten sie in mir
eine
hoffnungsvolle Wehmut, einen Schmerz aus, den ich noch weniger ertrug
als die
Angst vor dem Wahnsinn. Nicht einmal das hier und jetzt schien gewiß zu
sein,
Erinnerung und Wahrnehmung verschwammen zu einem wilden, erschreckenden
Bildertanz, den ich nicht mehr einordnen konnte, aber trotzdem
bewältigen
mußte.
Dann
verlegten
sie mich ein weiteres mal, ein weiteres mal quälte mich die bohrende
Angst vor
dem Tod und ein weiteres mal wurde ich über unzählige Stege geschleift,
durch
Hütten. Nichts sah gleich aus und doch schien sich alles zu
wiederholen. Bis
auf das Wachhaus, das sich Schritt für Schritt und drohend vor mir zu
erheben
begann. Der Steg vor ihm barst vor bewaffneten Soldaten, die nach mir
traten
und unverständliche Flüche mit sich überschlagenden Stimmen gegen mich
schleuderten. Aber sie blieben draussen, als die Tür des Hauses aufflog
und ich
hinein stolperte. Die Tür schloss sich wie von alleine und mit einem
Schlag war
es still. Niemand war mit mir hier und ich sah ihn am Boden, vor dem
überfüllten Schreibtisch. Wieder ein Riß in den Holzbrettern, gerade
groß genug
für mich. Es war dunkel darunter, aber keine bösartige Dunkelheit, sie
lockte
mich, beinahe konnte ich Stimmen hören, die nach mir riefen, die mich
flehten,
ich solle diese Chance wahrnehmen....aber die Soldaten.... Ich sah mich
um, wußte das ich damit unschätzbar kostbare
Sekunden verschenkte während derer ich durch den Spalt hätte fliehen
können,
aber die Angst war so groß, so beherrschend! Was wenn sich die Tür in
dem
Moment öffnete, da ich ein Bein in den Spalt setzen wollte? Ich dachte
an die
Soldaten vor der Tür, an ihre Waffen, geladene Gewehre mit verkrusteten
Bajonetten
an deren Enden, ich sah mich selbst in dem Loch im Boden, eingeklemmt,
während
ich die Hände vor mein Gesicht hob um den Vietkong abzuwehren, um das
Bajonett
abzuwehren, daß auf meinen Kopf zuraste....nein, nein,
ich konnte nicht, konnte nicht! Hilflos kniete ich vor dem
Spalt, klare, frische Luft drang daraus zu mir empor, so rein und kühl,
daß es
mir die Tränen in die Augen trieb, so nahe, daß es mir das Herz brechen
wollte,
aber die Krallen meiner eigenen Furcht rissen mich davon fort. Sie
liessen mich
aufstehen und auf die Wachen warten, die, als seien sie gerufen worden,
sogleich durch die Tür stürmten und mich mit sich durch eine andere Tür
rissen,
weitere Ewigkeiten durch ihr Steglabyrinth hetzten und in einen
weiteren Käfig
warfen.
Diesmal
war ich
in der prallen Sonne, im Trockenen, auf einer verbretterten Plattform.
Wir
waren wieder in Gruppen, aber das war kein Vorteil, da jeder nur ein
Spiegelbild der allgemeinen Verzweiflung war. Jeglicher Sinn war aus
den
Gesichtern der Soldaten gewichen, zahnlos waren sie, oder eingefallen,
manche
geschwollen, oder Wundenübersäht und nässend, aber so gebrochen, als
wäre ihr
Atmen eine reine Gewohnheit ihres Körpers. Ein weiteres mal verlor ich
die
Orientierung von allem, versank in trüben Erinnerungen aus meiner
Kindheit,
meiner Jugend, ich spürte, daß noch etwas nach oben wollte, etwas,
woran ich
die ganze Zeit nicht zu denken wagte, wenn ich es doch nur verhindern
könnte.
Aber ich hatte keine Chance, entweder schlug ich mich durch den Sumpf
meiner
unbewältigten Vergangenheit, oder ließ mich von der stummen Todesfurcht
meiner
Kameraden anstecken. Nichts davon schien mir erträglich, aber ich hatte
ohnehin
keine Wahl. Ob im wachen oder im Träumen erlebte ich Episoden meines
Lebens,
die ich hier völlig vergraben hatte, sie stachen auf mich ein und
hinterliessen
brennende Stellen. Niemand hätte sich damals Orte wie diesen hier
vorstellen
können und wie ein Besessener ersehnte ich mir die Unwissenheit jener
Tage
zurück. Freunde tauchten vor meinen Augen auf, Schulkameraden, an deren
Namen
ich mich nicht mehr erinnern konnte und noch etwas, etwas das stets in
den
Augenwinkel meiner Erinnerung huschte und so etwas wie Hoffnung in mir
zu
wecken versuchte. Aber ich bekam es nicht zu fassen, wollte
es gar nicht zu fassen bekommen – Hoffnung ist das Heroin
der Todgeweihten.
Der
Käfig hier
schien die letzte Station zu sein, täglich zogen die Vietkong tote
Soldaten aus
den Pferchen, aber erst wenn man den Gestank kaum mehr ertragen konnte
und
Wolken von Fliegen von den Leichen abhoben. Schreie und Gegenwehr gab
es hier
auch nicht mehr, die Soldaten ergaben sich ihrem Schicksal ohne Furcht
und ohne
Haß in den Augen – aber auch ohne den
geringsten Funken Leben darin. Manchmal wurden Exempel statuiert, vor
unseren
Augen und willkürlich, manchmal grausam und langsam, manchmal schnell
und kalt.
Zu essen bekamen wir nichts mehr, zu trinken schoben sie uns kleine
Schüsseln
hinein, die nicht für alle genügten und verschüttet wurden, wenn sich
die
Gefangenen in einem letzten aufbäumen von Lebenswillen bis aufs Blut
darum
stritten.
Ich
war selbst
dem Tode nahe, als mich die Soldaten ein weiteres Mal auswählten – das
letzte
mal, wie ich wußte.
Es war die Art ihrer Gesichter
und der angstvolle Blick meiner Kameraden, die mir meinen eigenen Tod
nun zur
Gewißheit machten. Meine Vergangenheit bombardierte mich schon am
hellichten
Tag und unablässig mit verschwommenen Bildern, ich bekam keine
Reihenfolge hinein, keinen Sinn.
Allerdings begann ich nun
zu bedauern, daß ich meine Vergangenheit niedergerungen hatte. Ich
konnte mich
in meinen letzten Augenblicken an nichts klammern, nur an schattenhafte
Eindrücke meiner Eltern, meiner Freunde und dem kleinen hoffnungsvollen
Stern,
der sich mir bis jetzt noch nicht offenbart hatte. Diesmal war der Weg
den ich
entlang taumelte nicht verschlungen, im Gegenteil. Er war breit, gerade
und
wuchs dem Horizont entgegen. Keine fremden Soldaten liefen uns über den
Weg,
keine Gefangenen, nur meine Henker und ich schritten langsam über das
kahle,
knarrende Holz.
Allmählich erhob sich ein gigantisches Holzhaus in die Höhe, es
beherrschte das Ende des Pfades, keine Abzweigungen gingen davon ab,
dahinter
ging es nicht weiter. Nie hatte ich hier etwas derartig riesiges
gesehen, es
war massiv und breit, mindestens drei Stockwerke hoch und hatte einen
kleinen,
verkrüppelten Vorbau. Es schien einen auf die Knie zwingen zu wollen,
Pechschwarz waren die Fenster und glotzten auf mich hinab. Ich kam
immer näher,
die Soldaten waren immernoch höchstens drei Schritte vor mir, aber für
mich
wurden sie zu Schemen, zu konturlosen Schatten, während mir das Gebäude
immer
klarer und detailreicher erschien. Die Luft hier kühlte allmählich ab
und ich
begann zu zittern, das Licht schien davonzufliessen, aber ich stolperte
immer
weiter, bis ich an dem windschiefen Vorbau angelangt war. Die beiden
Soldaten
blickten sich nicht um, gingen hinein, während ich dem dämonischen
Gebäude von
Angesicht zu Angesicht gegenüberstand.
Schliesslich trat auch ich in den
Vorbau. Innen war es wieder etwas wärmer, ich hörte auf zu zittern,
aber nur so
lange, bis ich die Tür am Ende der Hütte erblickte, die Tür, die ins
Haus
führte. Sie war schwarz und schwer, die Soldaten standen davor und
betrachteten
sie andächtig, einer streckte die Hand aus, um sie zu öffnen. Ich
wußte, daß
dahinter mein Ende wartete, aber trotzdem zerrte mich eine unsichtbare
Gewalt
näher heran, ließ mich einen Fuß vor den anderen setzen, bis ich
beinahe über
etwas stolperte. Ich sah hinab und da war er wieder, der Spalt. Kleiner
und
brüchiger diesmal, nicht so fordernd und beherrschend wie sonst, aber
er war da
und diesmal blieb ich stehen. Ich hatte keine Ahnung, ob an dessen Ende
wirklich die Flucht stand, aber ich wußte, daß hinter der schwarzen Tür
mein
Schicksal besiegelt würde. Wieder fürchtete ich die Strafe der
Soldaten, falls
sie mich aufhalten könnten, aber die Sehnsucht nach der Freiheit, der
Erlösung,
mit der mich der Spalt lockte, war größer. Ständig hatte ich
zurückgesteckt,
hatte ängstlich resigniert, gehofft mein Leben noch in eine
erträglichere
Richtung lenken zu können, aber immer ist es nur noch schlimmer
geworden. Jetzt
war es vorbei. Vielleicht war es keine Entscheidung zwischen Leben und
Tod,
vielleicht entschied ich mich mit der Flucht durch den Spalt nur für
einen
anderen Tod, aber wenigstens wäre ich dann ein einziges mal ich selbst
gewesen.
Ich starrte zu den Soldaten, die Tür zum Haus war offen und ein eisiger
Wind
schlug mir aus dem schwarzen Loch dahinter entgegen. Die Soldaten
starrten mich
an, wie ich so vor dem Spalt im Boden stand und sie kamen auf mich zu.
Nur noch
ein paar Meter und ich glotzte sie an wie gelähmt. Der Spalt schien mir
in den
Kopf zu flüstern, hatte ich mich vorher kaum an die Namen meiner
Freunde
erinnert, so fielen sie mir nun ein. Wie ein Mosaik prasselte die
Erinnerung
auf mich nieder, aber die Vietkong waren mir schon so nahe...
Eindrücke,
Bilder, Namen explodierten schier vor meinen Augen und dann, als die
Soldaten
höchstens noch zwei Schritte von mir entfernt waren, offenbarte sich
mir jene
eine Erinnerung, die sich mir all die Ewigkeiten in dieser Hölle hier
versteckt
hatte, die ich nie richtig greifen konnte. Ich sah einen Ehering und
ein
weinendes Mädchen, daß mir durch ihre Umarmung verbot zu den anderen
Soldaten
in den Bus zu steigen. Wie eine Explosion reihten sich daraufhin alle
Puzzleteile zu einem einzigen, strahlenden Bild. Ohne ein weiteres mal
zu
zögern, sprang ich hindurch, durch den Spalt im Boden..
„Herrgott,
habe
ich mich erschreckt!“
Der
Oberarzt
warf einen knurrigen Blick auf den jungen Assistenten, der mit
aufgerissenen
Augen auf den komatösen Veteranen starrte.
„Redwood,
verschonen sie mich. Ich halte sie für zu alt, für diese Art von Humor.“
„Bitte!
Versuchen sie selbst.“
„Lidschlussreflex...",
murmelte der Oberarzt nachdenklich, "wie sehen die Kurven aus?“
„Moment...ich...ich...glaube,
da kommt tatsächlich jemand nach Hause...“
„Mit
ordentlicher Verspätung...“
„Na
und? Diese
Army-Stümper hielten ihn für Hirntot!“
„Seien
sie
lieber froh, daß sie ihn nicht einfach bei den
Leichen im
Gefangenenlager zurückgelassen haben!“ der alte Arzt versank in seinen
Gedanken. „Koma hin oder her. Ich möchte nicht wissen, welche Träume
ihn die
ganzen Jahre geplagt haben.“
Redwood
wurde
ernst, ein Zustand, der ihm gar nicht behagte. Aber er hatte die
Gehirnströme
des Patienten verfolgt und sich jedesmal gefragt wie die Bilder
aussehen
mochten, die das Messgerät solch unscheinbaren Linien auf das Papier
kritzeln
liessen. Aber, so ermahnte er sich, das war jetzt vorbei. Irgendwie hat
der
Bursche es geschafft sich selbst zu befreien, seinen Alpträumen zu
entfliehen.
Es war keine Zeit für unnütz düsteres Philosophieren und so hakte
Redwood die
Vergangenheit ab und sonnte sich in der Freude eine medizinische
Sternstunde
beobachten zu dürfen. Er grinste auf genau die Weise, die seinen
Oberarzt stets
auf die Palme zu bringen pflegte.
„Hmm.
Was
glauben Sie wird er von Watergate halten?“
Dem
Oberarzt
perlte der hippokratische Pathos aus dem Gesicht und seine tief
gefurchte Stirn
machte Redwood mehr als deutlich was von seiner Respektlosigkeit
gegenüber
dieses bewegenden Momentes zu halten war.
„Wie
ich schon
sagte: ich schätze ihren humoristischen Zug nicht.“ donnerte er.
Dennoch konnte
er sich ein mildes Lächeln doch nicht verkneifen – zu viel Druck war
auch von
ihm abgefallen.
„Das
einzige
woran ich glaube ist, daß es Zeit für ein Telefonat wird.“
Redwood
räusperte sich.
„Trotz
meines
>humoristischen Zuges<....haben sie etwas dagegen wenn ich dieses
Telefonat...“
„Ich
bitte Sie.
Sie haben Tracy vier Jahre Trost gespendet. Diesen Lohn haben sie sich
redlich
verdient.“ Das Lächeln des Oberarztes wuchs in die Breite und einen
Augenblick
war Redwood sichtlich verdattert als sein Boss ergänzend und voll Wärme
hinzufügte: „Trotz ihres humoristischen Zuges.“
Redwood
räusperte sich erneut, ausgiebiger diesmal um seine Überraschung in den
Griff
zu bekommen und vor allen Dingen erschrocken über seine eigene Rührung
als er
sich vorstellte, welche Wirkung sein Telefonat haben würde. Er
zerknüllte die Telefonschnur und fürchtete sich davor in
unverständliches Stottern zu verfallen, wenn die Frau des Veteranen
abnehmen würde.
„Tracy?", sie erkannte sein Stimme sofort,
wie er an ihrem zittrigen Gruß erkennen konnte. Und an ihrer Frage.
Redwood lachte fast, als er antwortete.
"Gestorben?? Nein, oh gott nein! Im Gegenteil,
sagen wir's so...ich würde an ihrer Stelle den heutigen Tag im Kalender
rot
anstreichen. Gewöhnen Sie sich schonmal daran, daß sie mit ihrem Mann
fortan zweimal Geburtstag feiern
können....“
Ende.
(c) Alf Stiegler
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