Schreibtipp Zähme 4

Zähme den Imfodump 4: Sinnlichkeit!

In Autorentipp: Pimp my Infodump! habe ich einen ausgeprägten Infodump vorgestellt, und ihn dann in drei Schritten in seine Schranken verwiesen: In Zähme den Infodump 1: Spannung, wurde ihm ein Spannungsbogen beiseite gestellt, in Zähme den Infodump 2: Funktion haben wir seinen Informationen einen spannungsdienlichen Zweck verpasst, und in Zähme den Infodump 3: Kürze wurden überschüssige Infos radikal ausgemistet und beiseite gelegt, um sie eventuell später zu benutzen.

Jetzt wird es Zeit, dass wir den Text ausgehfertig machen: Die Sprache gehört glatt gefeilt und die verbliebenen Informationen in hübsche Bilder gekleidet. Und wie das bei der Wahl der Abendgarderobe so ist, wird sich nirgends der persönliche Geschmack und Stil des Autors deutlicher zeigen, als in diesem Schritt.

Ich persönlich habe mich bei dem Textbeispiel für das prunkvolle Abendgewand einer adligen Fantasy-Dame entschieden, und nicht an der Schminke gespart: Viel Schmuck, viel Pathos, die Sprache wallend und üppig wie ein handgefertigtes Ballkleid. Auf diesem Outfit wirkt der Kontrast der Kriegsbedrohung besonders gut, wie ich finde.

Textbeispiel: Sinnlichkeit in die Information

König Edelmut der dritte trommelte gegen die Tür: „Reineseel, bitte! Mach die Tür auf! Wir müssen dich verstecken!“ Die Prinzessin sah aus dem Fenster, das Königreich Immerschön breitete sich unter ihr aus. Noch war vom Krieg wenig zu spüren, aber Reineseel wusste, dass er immer näher kam, um seine Klauen in das Land zu schlagen. Sie hatte das Pergament gesehen. An der Brust des toten Boten hatte es geflattert, beschmiert mit seinem Blut und versiegelt mit dem pechschwarzen Wachs, das man nur an einem Ort herstellen konnte: In den fauligen Sümpfen von Finsterfies. 

„Ich kann bereits die ersten Fahnen der Reiter sehen!“, die Stimme ihres Vaters wurde immer eindringlicher, „Die Truppen kommen immer näher!“ Reineseel spürte einen Stich, als sie die flehenden Worte hörte. Aber sie wollte nicht fliehen. Eines der anderen Königreiche würde ihnen zur Hilfe kommen. Ganz bestimmt. Ihre größte Hoffnung lag auf dem Reich von Wohligwarm. Sein Volk so heißblütig, wie die Sonne, die auf seine Steppen brannte, und wenn Prinzessin Reineseel mit ihrem Vater dort hin reiste, errichtete man eine ganze Zeltstadt zu ihrem Empfang. Reineseels Vater hatte traurig gelacht, als sie ihm ihre Hoffnungen anvertraut hatte. „Ja, Wohligwarm ist uns wohlgesonnen. So lange es sie nichts kostet. Ihr König Handelgut ist ein Meister des Feilschens, das weißt du so gut wie ich. Er eilt uns zu Hilfe, wenn er einen Nutzen davon hat. Ich sehe keinen, du etwa?“

Auch aus Frostigkalt war bisher noch keine Nachricht gekommen und Reineseels Zofe hatte versucht die Prinzession zu beruhigen. „Sie werden kommen“, hatte das Mädchen heute morgen geplappert, „so unerwartet und tödlich, wie die Schneestürme, die ihr Land verwüsten!“ Reineseel hatte daraufhin traurig gelächelt. Noch nie war einer dieser Stürme über die Grenzen von Frostigkalt hinausgekommen, und genauso verhielt es sich mit seinem Volk.

Reineseel horchte auf. Das Trommeln an der Tür hatte aufgehört. „Vater?“, fragte sie, bekam jedoch keine Antwort. Stattdessen drang aufgeregtes Stimmgewirr aus dem Bauch des Schlosses zu ihrem Turmzimmer empor. Schritte näherten sich, kamen vor ihrer Tür zum stehen und eine männliche Stimme erklang. „König Edelmut!“, keuchte sie, „Vor unserem Tor! Ein Bote von Klammundnass!“ Reineseels Herz machte einen Sprung. Ein Bote von Klammundnass! Nach dem tagelangen Schweigen von dort hätte sie nie zu hoffen gewagt, dass ausgerechnet von diesem Land Hilfe kommen könnte! Mit zitternden Händen entriegelte sie die Tür und trat mit hoffnungsvollem Lächeln in den Gang hinaus. Ihr Lächeln zerschellte am gramergrauten Gesicht des Soldaten, der bei ihrem Vater stand. Nach einer unbeholfenen Verbeugung schlug der Soldat den Blick nieder. „Ich… Wir …“, er seufzte, „Es ist besser, wenn Ihr mir folgt, Hoheit.“

Der Soldat führte Reineseel und ihren Vater in die große Halle, vorbei an all den verängstigten Untertanen, die in das Schloss geströmt waren. Erschrocken stellte Reineseel fest, wie viele es mittlerweile waren. Sie versuchte allen ein aufmunterndes Lächeln zu schenken, aber mit jedem Gesicht, in das sie blickte, fiel ihr das Lächeln schwerer. Als ob man ihre Mundwinkel mit Bleigewichten behängte. 

In der großen Halle fiel das Lächeln endgültig von der Prinzessin ab wie totes Laub. Da lag ein Junge auf einem der Tische des großen Rates, er war schmächtig und dürr und höchstens elf Jahre alt. In der Luft lag ein unangenehm süßer Geruch wie von verdorbenem Obst. Reineseels Vater wandte sich an den Soldaten. „Ist das der Bote?“, fragte er ungläubig. Der Soldat schien unsicher, er warf zweifelnde Blicke auf Reineseel. „Sprecht offen“, verlangte der König, „Meine Tochter darf alles erfahren.“ Der Soldat nickte, atmete durch und sammelte sich. „Wir waren auf Patrouille im Grenzwald, als wir ihn gefunden haben, und…“

„Prinzessin?“, ein zittriges Flüstern floh aus dem Mund des Jungen. „Prinzessin Reineseel, seid Ihr das?“ Er war aufgewacht und sah die Prinzessin mit glasigen Augen an. Die Hoffnung darin schnürte ihr den Hals zu. Sie ging zu dem Tisch und kämpfte um ein weiteres Lächeln; der Junge saugte es auf wie eine Blume die Morgensonne. Sein kleiner Leib war in eine der seltsamen Krododilslederrüstungen von Klammundnass gehüllt, sogar ein Dolch aus Blutglas hing an seiner Hüfte. „Ich habe es tatsächlich geschafft zu euch vorzudringen“, flüsterte der Junge und Tränen rannen ihm über das Gesicht. Reineseel versuchte etwas zu erwidern, aber alle Worte schienen verdorrt, und so ergriff sie die kleine Hand des Jungen. Der Junge drückte zaghaft, dann schloss er die Augen wieder und atmete schwach. Seine Haut war heiß und mit klebrigem Schweiß bedeckt; der süße Geruch nach verfaultem Obst hing wie eine Glocke über ihm.

„Pfeilgift ist für diesen Geruch verantwortlich“, raunte der Soldat hinter Reineseel, er war mit ihrem Vater ebenfalls zu dem Tisch gekommen. „Es lässt den Jungen langsam von innen verfaulen.“ Die Prinzessin fuhr zu ihm herum, „Ein Gegengift?“, fragte sie bestürzt, „Es muss doch…“ Der Soldat jedoch schüttelte nur traurig den Kopf. „Wenn es ein Gegengift gibt“, sagte er, „Dann liegt es irgendwo in den Sümpfen von Finsterfies, in den geheimen Höhlen der Schattenalchimisten, die dieses verfluchte Zeug für König Prügeltracht und seine Mörderbande zusammenbrauen, und…“

Der Junge schlug flatternd die Augen auf und der Soldat verstummte. „Ihr müsst uns helfen, Hoheit“, flüsterte er, so schwach, dass man ihn kaum noch verstehen konnte. „Ein Überfall … Finsterfies…“, der Junge verzog schmerzverzerrt das Gesicht und griff sich unter die Rüstung. Als seine Hand wieder zum Vorschein kam, war sie bedeckt von schwarzem Blut. Der Geruch nach fauligem Obst schlug Reineseel wie eine Woge ins Gesicht. „Kein erwachsener Mann mehr in Klammundnass … alle auf dem Nebelmeer … die großen Fischzüge…“, der Junge hustete, schwarzes Blut benetzte seine Lippen, „Finsterfies überrennt das Land… Kinder werden verbrannt… die Frauen entführt…“, der Junge richtete sich auf, und ergriff Reineseels Hand, „Ihr müsst uns helfen!“ Letzte Kraft floss in seinen Händedruck und seine Augen brannten flehend. „Meine Mutter… meine Schwester… bald werden auch sie überfallen werden…“

Reineseel war erstarrt. Die großen Fischzüge, dachte sie erschüttert. Das bedeutete, dass die Fürsten des Landes den Hilferuf von König Edelmut überhaupt nicht erhalten hatten.  Das bedeutete, dass Finsterfies seinen Angriff von langer Hand geplant haben musste. Das bedeutete, dass dieser kleine Junge sein Leben geopfert hatte, um ein Land um Hilfe zu bitten, das selbst kurz davor stand überrannt zu werden.

Reineseel konnte nicht antworten, mit leerem Gesicht sah sie dem Jungen in die Augen. Ihr Vater drängte sie sanft beiseite. „Natürlich“, sagte er mit gütiger Stimme, „Natürlich werden wir euch helfen.“ Er lächelte den Jungen an, „Mach dir keine Sorgen um deine Schwester und deine Mutter.“ Diese Lüge legte sich wie eine Decke über den Jungen. Er sank auf den Tisch zurück und seine Gesichtszüge entspannten sich; seine Augen leuchteten nocheinmal auf und er drückte sanft die Hand der Prinzessin. Dann strömte ein tiefer Atemzug aus seiner Brust.

Es folgte kein weiterer.

Reineseel spürte die kleine Hand in ihrer erkalten. Die Schuld bohrte sich so brennend in ihr Herz, wie ein vergifteter Pfeil; es fühlte sich an, als ob auch sie innerlich verfaulen würde.

Die Tür zum großen Saal flog auf. Ein Trupp Soldaten stand da. Die Frau an ihrer Spitze nahm den Helm ab und fiel auf ein Knie, die verkrustete Lanze neben sich auf den Boden gestützt. „Euer Hoheit“, krächzte sie schwer atmend, „Finsterfies hat unsere Grenzen überrannt.“ Sie hob den Blick. Eines ihrer Augen war nur noch ein blutiges Loch. „Sie zertrampeln unsere Truppen so achtlos wie herabfallendes Obst.“

So, Spannung wurde eingefügt, den Informationen eine Funktion verliehen, wild wucherndes Info-Gewebe wurde entfernt und in eine erste Abendgarderobe wurde der Text auch geworfen. Natürlich sollte man sich diesen ersten Ankleideversuch noch genauer ansehen: wo hängt der Pathos-Schmuck zu protzig, und vielleicht würde der Text profitieren, wenn man die eine oder andere Sprachrüsche entfernt. Aber darum soll es hier nicht gehen. Der Infodump wurde deutlich gezähmt, und das war ja der ursprüngliche Zweck der Übung.

In diesem Sinne bedanke ich mich ganz herzlich für euer Interesse und ich wünsche euch viel Spaß dabei, Infodumps in euren Texten aufzuspüren, und ihnen ordentlich Manieren beizubringen!

Autoren-Training:

Jetzt würde mich natürlich noch brennend interessieren, welche Texte bei euch herausgekommen sind, und wie es euch mit den Übungen ergangen ist! Rückmeldungen und Beispieltexte sind überaus willkommen :)