Schreibtipp Zähme 3

Zähme den Infodump 3: Kürze!

Zeit für den dritten Überarbeitungsschritt! In Zähme den Infodump 2: Funktion! wurden den nackten Informationen ein paar Funktionen auf den Leib geschneidert, damit sie auch in den Spannungsbogen hineinpassen, der in Zähme den Infodump 1: Spannung! um den Text gebaut wurde. (Wer jetzt erst dazu stößt, kann sich im Autorentipp: Pimp my Infodump! einen Überblick verschaffen, worum es hier geht)

Aber auch wenn die Informationen nun mit Funktion versehen sind, wurden sie trotzdem noch nicht sauber mit dem Spannungsbogen vernäht; hier und da hängt wild wucherndes Informationsgewebe über. Deswegen: Lasst uns die Schere zücken!

Textbeispiel: Wortbalast über Bord!

König Edelmut der Dritte trommelte gegen die Tür: „Reineseel, bitte! Mach die Tür auf! Wir müssen dich verstecken!“ Die Prinzessin sah aus dem Fenster, das Königreich Immerschön breitete sich unter ihr aus. Immerschön war das kleinste von sechs Königreichen. Da gab es noch Frostigkalt im Norden, Wohligwarm im Süden, Klammundnass im Westen, Geröllgerutsch im Osten. Und Finsterfies. Es grenzte direkt an ihr eigenes Reich. Und hatte ihnen den Krieg erklärt.

„Ich kann bereits die ersten Fahnen der Reiter sehen!“, die Stimme ihres Vaters wurde immer eindringlicher, „Die Truppen kommen immer näher!“ Reineseel spürte einen Stich, als sie die flehenden Worte ihres Vaters hörte. Aber sie wollte nicht fliehen. Eines der anderen Königreiche würde ihnen zur Hilfe kommen. Ganz bestimmt. Das Volk von Wohligwarm war geschäftstüchtig und lebensfroh, dem Königreich Immerschön stets wohlgesonnen. Reineseel wollte nicht an die Worte ihres Vaters denken. „Ja, sie sind uns wohlgesonnen. So lange es sie nichts kostet. Ihr König Handelgut ist ein Meister des Feilschens, das weißt du so gut wie ich. Er eilt uns zu Hilfe, wenn er einen Nutzen davon hat. Ich sehe keinen, du etwa?“  Frostigkalt verband eine tiefe Feindschaft mit Finsterfies. Doch war man dort eher einsiedlerisch und unkommunikativ, Königin Lippenzu sagte so gut wie nie etwas. Reineseel spürte ihr Herz schwer werden. Hilfe, so gestand sie sich ein, würde von dort bestimmt nicht kommen. Ihre Hoffnung lag auf Klammundnass. Es war ein Reich der Fischer und Seefahrer, rau und laut und ungehobelt, und die beiden Fürstenzwillinge Sir Stock und Sir Fisch waren die ungehobeltsten von ihnen, sagte man, doch die Tyrannei von Finsterfies hatten sie noch nie geduldet. Jetzt allerdings war die Zeit der großen Fischzüge. Bis dort die Nachricht über den Überfall eingegangen war, hatte Finsterfies ihr Königreich wahrscheinlich längst überrannt. Von Geröllgerutsch war keine Hilfe zu erwarten, dort gab es gar keinen Herrscher. Es war ein Volk der Nomaden, das sich in strengen Familienclans organisierte. Sie verließen Geröllgerutsch nur selten, aber wenn, dann wusste man nie warum.

Das Trommeln an der Tür hatte aufgehört, ihr Vater begann zu weinen. Immerschön wurde regiert von König Edelmut dem dritten. Er war der vierte Sohn von König Edelmut dem zweiten, wurde aber zum König ernannt, weil seine drei Brüder im Krieg gefallen waren. Kein Wunder, dass er die Vorzeichen des drohenden Krieges mit Finsterfies übersehen hatte. Er wollte sie übersehen, wollte diesen Schrecken nicht wahrhaben, der ihm drei Brüder genommen, und diesen verhassten Thron eingebracht hatte. Aber jetzt war der Krieg da. Und er drohte ihm Reineseel wegzunehmen. Sie war das einzige Kind ihres Vaters. Besorgt spähte Reineseel nun doch aus dem Fenster am anderen Ende ihres Turmzimmers. Da draußen waren die Truppen von Finsterfies bereits zu sehen. Mit Finsterfies stand Immerschön im Krieg. Und König Prügeltracht wollte Prinzessin Reineseels Kopf.

Jetzt bin ich schon einigermaßen zufrieden. Das Adrenalin pumpt ganz ordentlich, überschüssiger Info-Firlefanz wurde entfernt und für später aufgehoben. Aber sind wir ehrlich: wirklich hübsch ist der Text noch nicht. Hässliche Nahtstellen stören das Bild, und manche Information riecht so steril wie Desinfektionsmittel. Als nächstes muss der Patient also frisch gemacht und hübsch eingekleidet werden!

Autoren-Training:

Jetzt könnt ihr dem Text vollends den eigenen Stempel aufdrücken: Ihr habt den Informationen eigene Funktionen verpasst, ihr habt nach eigenem Gusto gekürzt, um dem Text euren eigenen Rhythmus zu verleihen. Nun könnt ihr euch austoben und tief in eurem eigenen Handwerkskoffer kramen, um eine Szene zu erschaffen, wie ihr sie gerne schreiben würdet. Packt die Bilder aus, die euch gefallen, verwendet die Sprache, die ihr in dem Text hören wollt, und richtet das Augenmerk auf das, was für euch der Kern der Szene ist!

Viel Spaß! Und wer möchte kann das Ergebnis gerne in der Kommentar-Ecke posten :)

Hier zeige ich euch, mit welchen stilistischen Kosmetika ich meinen Textpatienten aufgehübscht habe:

Zähme den Infodump 4 – Sinnlichkeit in die Information!