Schreibtipp Pimp my Infodump

Autoren-Tipp: Pimp my Infodump!

Der Infodump. Jeder, der sich mit dem Schreiben beschäftigt, ist ihm garantiert schon einmal begegnet, ein sonderlich schüchternes Geschöpf ist er nämlich nicht: In Schreibratgebern treibt er sich häufig herum, in Blogs zum Thema Schreiben ist er ständiger Gast, und auch in Autorengruppen wird er gerne mal eingeladen.

Was ist überhaupt ein Infodump?

Trocken beschrieben ist der Infodump eine spannungsfrei vorgetragene Ansammlung von Informationen. Man stelle sich einen Thriller vor: Der Klappentext verspricht drei bestialisch ermordete Ballett-Tänzer, ein weiterer wurde entführt, und ein anonymer Drohbriefschreiber kündigt an, den Entführten in Stückchen über die Tanzbühnen dieser Stadt zu verstreuen, falls kein Vermögen an einer genau festgelegten Stelle deponiert wird. Der Leser schnappt sich das Buch, schlägt es begierig auf, und …  wird empfangen von einem ausschweifenden Exkurs in die Biographie der Hauptkommissarin, der man den Drohbrief zugestellt hat. Mord? Entführung? Jaja, alles wichtig, aber erst braucht es eine psychologisch tiefgreifende Abhandlung, welche Ereignisse im Leben der Kommissarin dafür gesorgt haben, dass sie heute keine Bindung eingehen kann. Und schon hätten wir einen schönen, dicken Infodump. Er stellt sich dem Leser meist schon am Eingang der Geschichte in den Weg, und verweigert ihm jegliche spannende Begebenheit, bis auch wirklich alle Hintergrunddetails der Geschichte klar gemacht wurden – frei nach dem Motto: Erst die Hausaufgaben, dann das Vergnügen.

Jetzt läge es ja auf der Hand, dass wir Autoren diesen unerzogenen Burschen einfach hinausjagen. Nur: der Infodump ist ein Charmeur und weiß ganz genau, wo er uns packen muss. „Komm schon“, schmeichelt er, „du hast dir so viel Mühe gegeben diese Figuren zu erschaffen! Wie viele Stunden hast du in die Stammbäume der Königsdynastien gesteckt, wie viele Kannen Kaffee getrunken, um dir eine psychologisch plausible Gottesvorstellung für deine technisch überlegene Alienrasse auszudenken… und das willst du deinen Lesern wirklich vorenthalten?“ Und schon ist man auf den Charme dieser aufdringlichen Labertasche hereingefallen.

Aber keine Sorge. Den Infodump darf man ruhig reinlassen. Man sollte ihn sogar reinlassen, immerhin hat er wichtige Informationen! Nur sollte man ihn nicht ungehemmt in der Geschichte herumwüten lassen, denn dann ist man ganz alleine für das Chaos verantwortlich, das er anrichten kann. Gut gezähmt und aufpoliert ist der Infodump allerdings ein unverzichtbares Werkzeug, um eine gute Geschichte zu erzählen – und als Infodump muss er sich dann auch nicht mehr bezeichnen lassen.

Wie erziehe ich einen Infodump?

Zunächst möchte ich euch eine frei erfundene erste Szene eines frei erfundenen Fantasyromans vorstellen. Der Infodump wurde hier mit Vorsatz hereingelassen und darf sich ungeniert austoben. Im Anschluss an das Textbeispiel werde ich im Laufe der Woche vier Schritte posten, wie man dem Infodump die Flügel stutzen kann, um dem Text die Kraft zu entlocken, die in ihm schlummert.

Vier Schritte, um einen Infodump zu bezwingen:

  1. Schritt: Spannung in den toten Text!
  2. Schritt: Funktion in die öde Information!
  3. Schritt: Wortbalast über Bord!
  4. Schritt: Sinnlichkeit in die Information!

Autoren-Training: Schreibübung vor jedem Überarbeitungsschritt

Für diejenigen unter euch, die gerne aktiv an ihrem Handwerk arbeiten möchten, habe ich vor jedem Infodump-Erziehungsschritt eine kleine Übung eingestellt. Ziel ist es, ein Gefühl für das Thema Informationsvermittlung zu bekommen, aber auch, um ein Gefühl für den eigenen Stil und den eigenen Geschmack herauszuarbeiten. Denn: die Vorschläge, die ich mache, sind Ausdruck meines persönlichen Stils und meines persönlichen Geschmacks. Das alles kann man auch ganz anders machen. Und man kann es ganz anders empfinden. Ich habe eine klare Devise, was Schreibtipps angeht: Sie sind gute Diener, aber schlechte Meister. In diesem Sinne seid ihr herzlich dazu eingeladen, aus den folgenden Vorschlägen das mitzunehmen, was euch weiterhilft – und alles andere über Bord zu werfen.

Aber genug Theorie, es ist Zeit für ein wenig Praxis! Darf ich vorstellen:

Textbeispiel: Ein Textpatient mit ausgeprägtem Infodump

Prinzessin Reineseel sah aus dem Fenster, das Königreich Immerschön breitete sich unter ihr aus.

Immerschön war das kleinste von sechs Königreichen. Da gab es noch Frostigkalt im Norden, Wohligwarm im Süden, Klammundnass im Westen, Geröllgerutsch im Osten und Finsterfies, das direkt am eigenen Reich angrenzte. Das Volk von Wohligwarm war geschäftstüchtig und lebensfroh, ihr König Handelgut ein Meister des Feilschens. In Frostigkalt hingegen war man eher einsiedlerisch und unkommunikativ, Königin Lippenzu sagte so gut wie nie etwas. Klammundnass war ein Reich der Fischer und Seefahrer, rau und laut und ungehobelt, und die beiden Fürstenbrüder Sir Stock und Sir Fisch waren die ungehobeltsten von ihnen, sagte man. Geröllgerutsch hatte gar keinen Herrscher. Es war ein Volk der Nomaden, das sich in strengen Familienclans organisierte. Sie verließen Geröllgerutsch nur selten, aber wenn, dann wusste man nie warum.

Immerschön wurde regiert von König Edelmut dem Dritten. Er war der vierte Sohn von König Edelmut dem Zweiten, wurde aber zum König ernannt, weil seine drei Brüder im Krieg gefallen waren. Reineseel war das einzige Kind ihres Vaters.

Besorgt spähte sie aus dem Fenster am anderen Ende ihres Turmzimmers. Denn da draußen waren die Truppen von Finsterfies zu sehen. Mit Finsterfies stand Immerschön im Krieg. Und König Prügeltracht wollte Prinzessin Reineseels Kopf.

Ein textlicher Notfall, ohne Frage, die Geschichte liegt im Informationskoma, kaum Puls vorhanden, handlungstechnische Vitalzeichen gleich Null. Es braucht eine Notfallmaßnahme, die Adrenalinspritze, mitten ins Herz!

Aber bevor ich euch jetzt zeige, wo ich die Adrenalinspritze ansetze, gibt es die erste kleine Schreibübung.

Autoren-Training:

1.) Wo seht ihr den spannenden Kern der Szene?
2.) Versucht diesen spannenden Kern herauszuarbeiten und in den Vordergrund zu stellen.

Jetzt wird es aber endlich Zeit, dass ich selbst dem Textpatienten etwas Adrenalin in die Venen jage:

Zähme den Infodump 1 – Spannung in den toten Text!